Beiträge von AdrianTuttisolo

    Schon richtig. Mozart hat auch ebensowenig wie Haydn das StrQ oder die Sinfonie erfunden. Und doch waren beide maßgeblich daran beteiligt, daß sich diese Genres so durchsetzten, daß nachfolgende Komponisten darauf aufgebaut haben.

    Es ist immer schwer Jemanden als Erfinder einer Sache zu titulieren, zumal in der Kunst. Zwar hat Haydn das Streichquartett nicht direkt erfunden - man denke nur beispielsweise an Boccherini - doch geht, ausgehend von seinen Divertimenti, das Streichquartett in heutiger Form durchaus auf Haydn zurück. Vielleicht muss man auch differenzieren, ob ein Komponist nur dann Neuerer ist, wenn Begründer einer Gattung, und ob das Abarbeiten an einer bereits vorhandenen ihn nicht doch ebenfalls zu solch einem Neuerer - eben durch das Erweitern oder ggf. sogar Erneuern der Gattung - machen kann. Man denke nur an Mahlersche Sinfonien, an Wagners Musiktheater, an Lachenmannsche Streichquartette.
    Übrigens dank Dir, Arnulfus, für den Post zum brahmschen Einfluss mit all den Beispielen.

    Auch ein kleiner Tipp von meiner Seite:
    mal ein Dir unbekanntes Stück in Partiturform vor dem ersten Hören lesen und Dir dabei vorstellen, wie es klingen könnte. Anschließend beim folgenden Hören vergleichen, inwiefern die Vorstellung vom Klangresultat der Aufnahme abweicht. Macht Spaß (mir zumindest) und hat einen hohen Lerneffekt.
    Liebe Grüße

    Ja, das Überspringen einer Generation leuchtet mir ein.
    Noch zu Ulli: Man kann, wie Du richtig sagst, die Epochen Barock, Klassik, Romantik usw. auditiv gut voneinander abgrenzen, was an dem bestimmten verwendeten musikalischen Material liegt, mit dem umgegangen wird. Was mir allerdings nicht hundertprozentig klar ist, ist was mit dem heutigen Komponieren aus einem "Stil-Cloud" gemeint ist.
    Sicherlich kann man, ganz im Sinne der Postmoderne, aus allen Stilen schöpfen, d.h. selbstverständlich auch aus Barock, Klassik usw. und diese dann kompositorisch verwerten. Dass ein Präsens-Stil nicht existiert muss natürlich nicht diskutiert werden. Jedoch: das musikalische Material - das sich ja allein durch die Arbeit einiger Komponisten mit den Soundfiles des Internets erheblich erweitert hat - kann gestriger Natur sein oder aber den Weg zu neuen Entwicklungen ebnen (wie es alle großen Komponisten vorgemacht haben, man denke nur an Beethoven oder auch an Stockhausen und seine Arbeit im elektronsichen Studio).
    Wenn Du mit dem Komponieren aus einem "Stil-Cloud" also die Aktualität oder gar Existenz modernen Materials in Frage stellst, kann ich Dir ehrlich gesagt nicht zustimmen. Wenn Du aber lediglich die immense Fülle an nebeneinander existierenden Stilen ansprichst, dann stimme ich Dir gerne zu.
    Gruß

    Ein Thema, das mich seit einiger Zeit umtreibt: Handelt es sich beim sogenannten Crossover wirklich um ein typisches Phänomen des 20. Jahrhunderts? Oder liegen die Wurzeln der Integration diverser Stile in ein Neu-Daseiendes nicht bereits in den Anfängen der abendländischen Musikgeschichte und ziehen sich - mal stärker, mal schwächer ausgeprägt - durch sie hindurch wie ein roter Faden?
    Um einige Beispiele zu nennen, die der Diskussion Richtung geben könnten:


    - Obschon aufgrund der anfangs rein mündlichen Tradierung des Gregorianischen Chorals seine exakte vorgeschichtliche Entstehung nicht nachvollzogen werden kann, sind doch musikalische Parallelen zur byzantinischen Musik offensichtlich. Auch der Einfluss jüdischer Liturgie schlägt sich im, um einen morderneren Terminus zu verwenden, musikalischen Material nieder.
    - Selbstverständlich leben wir nicht im geschichtslosen Raum. Die Kenntnis des Vorhandenen ist Grundlage, Basis der Arbeit des erschaffenden Musikers. Dennoch besteht ein grundlegender Unterschied zwischen der Fortentwicklung musikalischer bereits daseiender Substanz, die nahezu aller bisherigen großen Komponisten eigen ist, und der Übernahme und Vermischung mannigfacher Stile. Um zwei Beispiele aus der Musikgeschichte zu nennen: Beethoven arbeitete sich am Material der Klassik ab, das ihm “gegeben” ward und muss wohl als der Anfangspunkt subjektiv-expressiven Komponierens betrachten werden, in dessen Nachfolge beispielsweise Schönberg zu sehen ist. Hier liegt der Begriff des musikalischen Fortschrittes auf der Hand, der sich durch Weiterdenken bereits Existenten gestaltet.
    Nun ein großer geschichtlicher Sprung, um auf zweiteren Punkt zu kommen: Alfred Schnittke, Komponist des 20. Jahrhunderts - Polystilistik als personalstilistische Idee? Ein kunterbuntes Konglomerat verschiedenster Stile und Musiken aller Zeiten, man denke nur an sein erstes Concerto Grosso (http://www.youtube.com/watch?v=M3Xehs1rHfM - s. auch seine 2. Sinfonie: http://www.youtube.com/watch?v=fGRWyyDw9Cc). Hier wird der Eklektizismus auf die Spitze getrieben und zwar in einer Art und Weise, die mir in solcher Extremität zuvor noch nicht begegnet ist. Gegenbeispiele?
    - Crossover ist ein Begriff der Popmusik und des 20. Jahrhunderts, entstanden in den 1940er-Jahren. Heutzutage ist es, gerade in der Popmusik, aber auch bei einigen Komponisten der Neuen Musik, gang und gäbe, sich verschiedenster Stilistiken zu bedienen und diese zu vermischen. Auch hier zwei Beispiele: Johannes Kreidler, der die kreative kompositorische Arbeit darin erblickt, zigtausende Soundfiles aus dem Internet als musikalisches Material zu verarbeiten. Zweites Beispiel aus meinem näheren Umfeld in Leipzig: Das Tuttisolo Orchestra, das bekannte Popsongs mit einem “klassischen” Klangkörper interpretiert (s. z.B.: http://www.youtube.com/watch?v=--01APk266U).


    Nun bin ich gespannt, wie ihr zu dem Thema steht und welche Beispiele zur Untermauerung eurer Thesen ihr aus der Musikgeschichte heranzieht.

    @ Travinius: vielleicht hast Du die Reihenfolge der Begriffe ein wenig durcheinander gebracht? Ich halte Mahler - um ihn aufzugreifen, immerhin ist er in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt - aufgrund seiner herausragenden Stellung eindeutig für einen dirigierenden Komponisten, nicht umgekehrt ("Generalmusiker" fände ich auch angebracht). Ich weiß gar nicht, ob man es so pauschalisieren kann, dass eine "Richtung" Vorteile gegenüber einer anderen hat; da müsste man m.E. die Musiker individuell betrachten.
    @ Ulli: Ich halte es für eine interessante These, dass ein Komponist Werke, die seinem Stil ähnliche sind, besser oder zumindest sehr gut dirigiert. Die Spezialisierung im kompositorischen Bereich, insofern vorhanden, müsste sich eigentlich auch im ausführenden Bereich, d.h. im Dirigat, niederschlagen. Hättest Du dafür konkrete Beispiele? Würde mich interessieren (ob z.B. Boulez Webern besser dirigiert als ein anderer Dirigent usw.).

    Zu den Kommentaren fällt mir noch zweierlei ein, ich zitiere Ulli:
    "Nachwievor finde ich, daß - zumindest in der Theorie - Komponisten die besseren Dirigenten (nicht nur eigener Werke) sein müssten, vorausgesetzt, das Dirigieren als Tätigkeit liegt ihnen überhaupt. Denn: Komponisten sind doch mit dem Material weitaus besser vertraut als "studierte" Dirigenten..."
    Dem kann ich nur bedingt beipflichten. In erster Linie sind Komponisten mit ihren eigenen Werken vertraut. Studierte Dirigenten wiederum sind demgegenüber dazu ausgebildet, mit einer großen Fülle an Werken vertraut zu sein, wohingegen Komponisten sich spezialisieren können - für ihre eigene Arbeit also nicht zwingend "alles" kennen müssen. Man denke nur an Stockhausen, der eine starke Abneigung gegen einige romantische Musik hatte (z.B. Wagner), seine eigene dagegen mitunter dirigierte. Darüber hinaus ist das Dirigat ja eine technische Leistung, die jahrelang geübt werden muss, vergleichbar mit dem Spiel eines Instrumentes.
    Bei Zender denke ich dagegen auch hauptsächlich an den (wunderbaren) Dirigenten, da gebe ich Dir, Arnulfus, vollkommen recht. Das selbe auch bei Gielen.
    Deine Zusammenstellung der "pro-" und "contra-Beispiele" bringt die Sache, so glaube ich, ganz gut auf den Punkt: Es gibt einfach in beiderlei Hinsicht viele gute Beispiele. Wöge man sie gegeneinander ab, müsste sich die Waagschale wahrscheinlich halten... (?)

    Obwohl dieser Thread ja nun schon etwas älter ist, möchte ich mich der Frage dennoch annehmen, da ich sie durchaus interessant finde.
    Persönlich betrachte ich das Doppelleben der Komponisten-Dirigenten - zumindest heutzutage - kritisch. Das hängt damit zusammen, dass diese Arbeitsteilung der ungeteilten Aufmerksamkeit auf ein Fachgebiet hinderlich ist. Man sieht dies ganz gut am immer wieder erwähnten Beispiel Boulez´: Durch das Dirigat ist seine Produktivität im kompositorischen Bereich eingeschränkt. Vielleicht geht überdies gerade durch das Dirigat und die damit verbundenen Proben sein stilistischer Wandel einher - wobei ich den Marteau sans maitre für ein Meisterwerk halte, das aber nur nebenbei... ;)
    Da sich sämtliche musikalische Bereiche im 20. Jahrhundert spezialisiert haben - dies also nicht nur für Komponisten und Dirigenten gilt, sondern auch für ausführende Musiker - liegt es auf der Hand, sich einer und nur einer Tätigkeit zu verschreiben. Allerdings: Ausnahmen bestätigen diese These, bei Komponisten wie Webern (der ja auch dirigierte) wie auch bei Musikern wie Daniel Barenboim.