Beiträge von Josquin Dufay

    Mir hat er früher auch besser gefallen - das Poetische der Bilder geht manchmal gar nicht gut mit den Texten von Handke zusammen. Dabei hat der Film etwas Innovatives, aber dann kommt wieder diese besondere Achtung-Jetzt-machen-wir-Kunst-Attitüde um die Ecke und ruiniert die Stimmung. Immer und immer wieder. Das begräbt letztendlich den interessanten Ansatz...:(


    Céline und Julie fahren Boot

    Frankreich 1974

    Regie: Jacques Rivette


    Wo soll man anfangen, wo aufhören? Von Rivette hatte ich vor langer Zeit Die Nonne (1965) gesehen, der mir als wundervoll in Erinnerung geblieben ist; Johanna, die Jungfrau (1994) hat mich auch sehr beeindruckt (den ich sogar in der integralen Version kenne), und Paris gehört uns (1961) hatte ich nur zum Teil sehen können. Insgesamt tolle Sachen, fein gespielt und erzählt.


    Aber nichts - wirklich nichts! - bereitet auf seine Filme der 1970er Jahre vor. Da ist keine Vorlage, nach der man gehen kann. Out 1 kenne ich auch nur als Abschnitte, die mir damals beim Sehen wenig sagten, von Merry-go-round heißt es, daß er ebenso "unfaßbar" sei. Skurril, mysteriös, eigenwillig spinnt Rivette sein Garn, das der Zuschauer aufmerksam und unvoreingenommen folgen muß.


    Céline und Julie fahren Boot ist auch wieder so ein Kandidat, den ich aus dem Fantasy-Lexikon von Hahn/Jansen/Stresau kenne, doch erst jetzt habe ich ihn endlich sehen können. Und er unterläuft so Vieles, was man am Kino kennt, was vertraut erscheint, was als "normal" - Mainstream - gilt. Hier gibt es keine schneidigen Bilder, keine Vision einer großen Phantasie, keine großen Helden, sondern...


    ...ja, was eigentlich? Zwei Frauen, die sich zufällig begegnen, aber irgendwie auf einer Wellenlänge geswitcht sind, die sich mit seltsamen Tagträumen um die Bewohner eines nun leerstehenden Hauses auseinandersetzen müssen, welches sich sogar so weit verselbstständigt, daß sie zuletzt in diesem Träumen real agieren können. Doch Rivette erzählt nie wirklich linear, der Ablauf der Geschichte ist immer wieder in einzelne Erzählsegmente unterteilt, der Schnitt hart und eigenwillig, dennoch sehr präzise getimt. Es gibt keinen Funken an Special Effects, keinen pompösen Orchesterscore, nur eine seltsam reale Umsetzung im Paris der 1970er Jahre.


    Aber dennoch bleibt vieles hängen - sicherlich deshalb, weil es einen Anfang und ein Ende der Geschichte gibt. Das Traumhafte entsteht tatsächlich durch die Details, die Rivette inszeniert - in Form von Türen, Bonbons, Kleidern, Abläufen. Da ist eine Konzeption, der man sehr schnell gewahr wird, und wenn man es als Regel anerkennt, ergibt der Film einen geschlossenen Eindruck. Dabei interessiert Rivette nicht mal wirklich eine konzentrierte Erzählweise, sondern er entwickelt alles aus einer improvisatorischen Praxis heraus.


    Den Charme, den die beiden Hauptdarstellerinen - Juliet Berto als Céline und Dominique Labourier als Julie - versprühen, ist das Herzstück des ganzen Films: ihre Lust am Spielen, am Feixen und am Aufspüren der Geheimnisse ist bemerkenswert affin und hält einen bei der Stange. Immerhin läßt der Film sich sehr viel Zeit, gibt Raum für die Erkundung ihres Alltags, bevor es ums Haus geht. Und ohne ihre Herzlichkeit würde das ganze Projekt in sich zusammenfallen, weil es dieser Chemie bedarf, um die ganzen filmischen Anachronismen zu akzeptieren - ja, sogar wieder bereit zu sein, diesen Film später nochmals sehen zu wollen.


    Rivette hat ein experimentelles Kino geschaffen, welches phantastisch wird allein durch die Kraft der Imagination; das ist der am Weitesten entfernte Punkt eines Der dunkle Kristall oder eines King Kong, der möglich ist, aber die Verwandschaft zu Cocteaus La Belle et la Bête ist durchaus gegeben, wenn auch nur im übertragenden Sinne. Hier gibt es nur den Geist als Freiraum, nichts anders wird akzepiert. Insofern ist Rivette streng, doch wenn man sich darauf einläßt, kann es wundervoll werden.


    Jedenfalls: ich denke nicht, daß man diesen Film vergißt, wenn man ihn sieht - unabhängig davon, ob er einem zusagt oder nicht. Ein absolutes Unikat.


    :beatnik:

    Albert Finney (1936-2019)


    Im Bond-Film Skyfall hatte er seinen letzten Leinwandauftritt absolviert, eine kraftvolle Rolle, die seine Energie immer noch deutlich zur Geltung brachte. Damit endete eine Filmkarriere, die über 56 Jahre ging. Und was hatte er alles für blendende Filme gemacht:

    • Samstagnacht bis Sonntagmorgen
    • Tom Jones
    • Auf leisen Sohlen
    • Mord im Orient-Expreß
    • Die Duellisten
    • Wolfen
    • Unter dem Vulkan
    • Miller's Crossing
    • Erin Brockovich
    • Tödliche Entscheidung

    Nur die Spitze des Eisberges (sicherlich - nicht alle seine Auftritte waren so einprägsam), aber es zeigt einen Schauspieler, der auf der Suche nach Individualität war, nach Hineinkriechen in den Charakter und Momente großer Kunst zu demonstrieren. Dabei konnte er selbst Figuren in eher unprätentiösen Filmen wie Auf leisen Sohlen oder Wolfen echte Tiefe verleihen. Sein letzte großes Porträt zeigte er in Lumets Tödliche Entscheidung, wo er den Tod seiner Frau rächt.


    Auch wenn er seine Filmlaufbahn beendet hatte, so traurig macht mich sein Tod dennoch.


    RIP, Albert, RIP


    :(