Beiträge von bigaglia

    Ich finde, dass die Haydn-Messen schwieriges Terrain sind.
    Die Hickox-Aufnahme finde ich insgesamt recht schwach. Die Solisten überzeugen mich wieder stimmlich noch interpretatorisch, das Orchester ist o. k. aber auch nicht aufregend.
    Weil finde ich wesentlich besser, erreicht aber leider nicht das Niveau deiner Aufnahme der Schöpfung. Wirkt insgesamt auch etwas betulich.
    Gardena ist o. k., könnte aber etwas mehr interpretatorischen Zugriff vertragen. In meinen Augen könnte mehr mit Agogik, Akzenten und Dynamik agiert werden. Auch klanglich eher nüchtern, jedenfalls weit entfernt von einem Attribut wie klangsinnlich.Ist einfach eine typische Datenaufnahme.
    Neben den hier vorgestellten Aufnahmen gibt es noch eine Reihe von Kuijken bei DHM, die ich als von den hier genannten die beste empfinde. Pinnock hat bei Archiv eine sehr schöne Aufnahme der Nelson Messe vorgelegt.
    Ja und zum Schluss nun meine Empfehlung für eine OP Aufnahme: Nikolaus Harnoncourt. Ich fürchte nur, lieber Uli, dass du mir hier wieder folgen kannst noch wirst.

    Eine ältere CD:




    Musik der Stadtpfeifer
    Musica fiata
    Roland Wilson
    dhm - DDD


    Gibt es eine nicht so gelungene CD der Music Fiat? Mir ist keine bekannt! Hier entführt das Ensemble um Roland Wilson in die Welt der Stadtpfeifer im 16. und 17. Jahrhundert. Superb geblasen, als ob Intonation gerade auf einem Cornetto kein Thema wäre, voller Klangsinn und Freude an virtuosen Verzierungen. Besonders Spaß machte mir als Zuhörer, das häufig eingesetzte Regal!
    Superbe Abendunterhaltung!

    Zitat

    Blockflöten, Cembalo und Gamben

    Sind sehr wohl auch "moderne" Instrumente. Zumindest existiert für alle Instrumente ein Repertoire des 20. und 21. Jahrhunderts, im Falle der Blockflöte ein fast unüberschaubares dazu.
    Wie bei allen Blasinstrumenten wurden auch bei der Blockflöte instrumentenbautechnische Neuerungen im 20. und 21. Jahrhundert eingeführt, die vor allem einem dynamisch vielfältigeren und über die Register ausgeglicheneren Klang und eine Eriweiterung des Tonunfanges dienten. Insofern verstehe ich nicht, wieso Blockflöten (und Cembalo bzw. Gamben) absurd im Zusammenspiel mit modernen Instrumenten sein sollen!
    Daß das 2. BrKo mit modernen Instrumenten nicht bzw. nur unbefriedigend funktioniert, ist ja nun ein alter Hut. Ich habe es noch live so gespielt oder gehört, daß ein differenziertes Wechselsoiel der Soloinstrumente möglich gewesen wäre. Neben der Blockflöte leiden Violine und Obie ja genauso unter der für Barockmusik seltsamen Erfindung der Hoch-B-Trompete. Nur im Studio ist dank der Technik da was möglich, das war aber so nun garantiert nicht geplant.

    Zitat

    „on composer's insruments"

    Finde ich genausowenig glücklich wie "period" oder irgendetwas mit "Original". All diese Begriffe suggerieren, daß es die originalen Instrumente der Zeit wären. Sind sie ja nicht, kein Instrument dürfte im originalen Zustand sein. Darüber hinaus hat der Zahn der Zeit dafür gesorgt, daß wir u. A. durch Holzschwund und anderen Gründen das originale Voicing bestenfalls erahnen können. Auch gibt es so gut wie keine Kopien im Gebrauch, sondern Nachbauten, die man "verbessert" hat. Nur ein Teil der Doppelrohrblattbläser spielt auf Rohren, wie man sie im Barock gebaut hat, das Saitenmaterial bei Streichern (und vermutlich auch Tasteninstrumenten) ist anders, allein schon aus biologischen Gründen.
    Das hat viele Gründe, die durchaus interessant zu diskutieren sind. Mir als Musiker wäre aber viel lieber, wir würden zu all diesen Tatsachen stehen und nicht dem Publikum immer wieder unterschwellig suggerieren, wir hätten die originalen Instrumente und den originalen Klang. Das könnten wir uns schon leisten, denn wir erzielen ja in unseren Bemühungen teils phantastischer Ergebnisse, die in ihrer Perfektion "modernen" Instrumenten in nichts nachstehen, sondern sie übertreffen, eben weil sie der entsprechenden Musik gerechter werden.

    Schlimm finde ich vor allem, daß man von nun an Goebel nicht mehr blind kaufen kann; das ist sehr schade. Ein Qualitätsmangel für mich.

    Meine Meinung dazu: Von Goebel konnte man noch nie blind kaufen! Giebel ist für mich der personifizierte Qualitätsmangel in HIP und OPI. Gerade seine Bach-Interpretationen (vor allem die Brandenburgischen) sind eigentlich keine Interpretationen, sondern sportlicher Wettlauf. Sein Statement "weil wir es können" wäre noch nicht einmal nachvollziehbar, wenn sie es wirklich könnten. Sein Telemann ist todlangweilig, da verstehe ich gut, daß man Telemann für nicht so besonders interessante Musik halten kann. Es gibt ein paar Aufnahmen, die gut sind, meiner Meinung nach kann man die aber auch an einer Hand abzählen. Für mich der überschätzte OPI-Interpret schlechthin. Von daher ist eine Neueinspielung der Brandenburgischen tatsächlich der sprichwörtliche Sack Reis und für mich obsolet.

    Gangbar ist alles, man muß eben bloß konsequent sein (können/wollen) und nicht alles durcheinandermixen oder ignorant sein; Vergleiche omi/omi und opi/opi sind okay, alles andere ist für mich Quark mit Soße.


    Ich hab's schließlich auch gelernt und mich von dem alten Ballast befreien können.

    Ich stimme insofern zu, daß alles gangbar ist. Allerdings ist es eine persönliche Entscheidung, OPI als das zunächst alles entscheidende Kriterium anzusetzen, die ich so gerne akzeptiere. Wer das nicht tut, ist aber in meinen Augen keinesfalls ignorant oder in die Kategorie einzuordnen, man schafft es nicht, sich von irgendwelchem Ballast zu befreien.


    Schon aufgrund meiner musikalischen Praxis beschäftige ich mit tagtäglich mit OPI und HIP. Auch würde ich behaupten wollen, daß 70% meines Tonträgerbestandes OPI sind und 80% HIP. Dennoch erkenne ich einen Mehrwert darin, sich auch mit HIP auf modernen Instrumenten oder gar mit Non-HIP zu beschäftigen. Ich denke, wir sind uns darüber einig, daß wir es ja nicht einmal schaffen, trotz erhaltener Originale und heutigen "Kopien" ein Klangbild zu erzeugen, daß wirklich einem Originalklang entsprechen würde. Wir schaffen im besten Fall eine Annäherung. Noch viel schwerer wiegt, daß wir (leider) nicht mehr die Ohren der jeweiligen Epoche haben. Wir schaffen und erleben also immer "modern" (quasi OMI), selbst wenn wir das vermeintlich richtige Instrumentarium (das oft nur bedingt etwas mit originalen Instrumenten, selbst wenn es originale Instrumente der Epoche sind, zu tun hat) verwenden und auf HIP setzen. Daher halte ich auch Vergleiche zwischen OMI und OPI nicht für obsolet, und sei es auch nur um Problematik und Wahrnehmungsunterschiede, die sich aus OMI ergeben, zu studieren.

    Mein zentraler Ansatz ist zunächst die Interpretation: ist die gut oder auch zumindest nur interessant, darf die Aufnahme bleiben, ist sie schwach, "falsch" oder langweilig dann geht die Aufnahme wieder. Das ist für mich zunächst keine Frage der Kategorie OMI/OPI sondern tatsächlich eine reine Frage der Interpretation. Ich bin auch der Auffassung, daß OPI immer die bessere Chance für eine gute Interpretation bietet, als Basis immer vorzuziehen ist. Oft genug wird diese Chance leider aber auch vergeben und es gibt tatsächlich Aufführung OMI, die die OPI-Interpretation weit hinter sich lassen. Das von mir neulich genannte Beispiel der Haydn-Sinfonie ist für mich nach wie vor aktuell und ich beschäftige mich immer noch mit der Analyse der Gründe.


    Die Jagd nach einem vermeintlich authentischen Klang ist in meinen Augen und leider auch in meinen Ohren nicht zu gewinnen. Der vermeintlich originale Klang ist und bleibt für alle Zeit verloren. Es ist und bleibt aber spannend, sich diesem Klang mit den uns zu Verfügung stehenden Mitteln (vermeintlich?) anzunähern. Ich würde so gerne Mäuschen spielen und hören, inwieweit wir mit unseren Bemühungen in HIP und OPI uns wirklich den entsprechenden Zeiten annähern. Das ist für mich aber nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist auf dem Platz, sprich im Konzert: hier muß ich es schaffen, die Hörer von heute mit ihren mannigfaltigen Hörerfahrungen für das Werk mit meiner Interpretation zu begeistern. Das wird immer eine heutige Interpretation sein, die freilich auf den Regeln und Überlieferungen der Entstehungszeit fußt.



    Ludger Rémy begeistert wieder einmal als Musikarchäologe und Interpret gleichzeitig. Die bekanntesten Komponisten dieser CD dürften Hammerschmidt, Pezel, Krieger und vielleicht noch Boxberg sein. Und dennoch: gerade die stilistische Vielfalt dieser zwischen Früh- und Hochbarock angesiedelter Musik nimmt den Hörer gefangen. Neben typischen Kantaten dieser Zeit hört man eine einstimmige, monodische Vertonung, die in der Tradition des Meistergesanges steht. Interessant auch eine Te-Deum-Vertonung, die vom dauernden Wechsel Gregoriana - mehrstimmige Vertonen lebt. Eine einstündige musikalische Entdeckungstour, die einen beseelten und zutiefst glücklichen Hörer zurückläßt!


    Die Ausführenden überzeugen mit hoher spiel- und gesangtechnischer Präzision. Seien es die luftigen, klangsinnlich dargebotenen Bläserintraden. das einfühlsame Zusammenspiel zwischen Instrumentalisten und Sänger oder die bestens ausbalancierten und intonierten Gesangsensemble: es bleiben keine Wünsche offen! Ein affektbetontes Spiel vom Feinsten, immer der Interpretation und der Exegese des gesungen Wortes verpflichtet.

    Heute hatte ich wieder einmal den Fall, in der eine OMI-Aufnahme, die wohl HIP ist, alle mir bekannten OPI-Aufnahmen weit hinter sich läßt.




    Thomas Fey hat im Rahmen seines Haydn-Zyklus, der wohl von ihm nicht mehr vollendet werden kann, eine Einspielung der Sinfonie Nr.48 'Maria Theresia' von Haydn vorgelegt, die interpretatorisch bis ins letzte Detail überwältigend gut ist. Der "Witz" Haydns, seine rhythmischen, dyna,mischen und harmonischen Überraschungen werden mit Nachdruck und einer Natürlichkeit präsentiert, die ich von keiner anderen Aufnahme kenne. Auch die Affektgestaltung ist überragend. Von alle den Parametern wie Phrasierung, Intonation, Artikulation etc. brauchen wir gar nicht zu sprechen, denn die müssen stimmen, um diesen interpretatorischen Zugriff realisieren zu können.


    Hier fängt die Diskussion über OMI oder OPI an, akademisch zu werden. Der interpretatorische Ansatz muß stimmen und "richtig" sein!

    Die Aufnahmen sind durchaus empfehlenswert! Die Aufnahmequalität ist superb die verwendeten historischen Orgeln sind es eh!
    Was die Interpretation betrifft: Die Registrierungen könnten manchmal etwas farbiger sein, sind aber in jedem Fall den Werken angemessen. Interpretatorisch ist Kelemen eher auf der virtuosen Seite, Phrasierung und Agogik könnten entschiedener und durchsichtiger sein.
    Wenn ich nicht schon etliche Einzel-CDs hätte, hätte ich aber in jedem Fall zugegriffen!


    Te Deum laudamus - Geistliche Musik auf Engelsinstrumenten aus dem Freiberger Dom, 1594


    Monte: Missa super Mon Ceur le recomande; Ad te levavi
    Fabricius: Cantate dominum; O Sacrum convivium
    Lechner: Si bona suscepimus di manu Domini
    Michael: Te Deum laudamus
    Ferrabosco der Ältere: O lux beata treintas


    Chordae Freybergensis,
    Ensemble Freiberger Dom-Music,
    Albrecht Koch


    CPO, DDD, 2013


    Diese CD, die sich der Musik im Umkreis der Freiberger Lateinschule und des Freiberger Domes um 1600 widmet, ist ein lebendiges, engagiert und kompetent vorgetragenes Plädoyer für protestantische Kirchenmusik um 1600 in Sachsen. Eine besondere Noten erhält die Aufnahme dadurch, das die verwendeten Instrumente Kopien nach Instrumenten aus der Freiberger Lateinschule sind. Interessanterweise handelt es sich bei den Streichinstrumenten um verschiedene Größen der Geigenfamilie und nicht der Gambenfamilie, im heutigen Musikleben immer noch eher selten für Musik um 1600 außerhalb Italiens!


    Das Ensemble singt und spielt mit viel Sinn für Klang und Artikulation. So entsteht eine farbige und lebendige Aufführung, gefällt mir sehr gut!

    Es gibt auch ab dem 16. Jh. reichlich homophone Sätze, die ohne Zweifel vertikal gedacht sind. Länderübergreifend: Spanien, England, Deutschland, Italien etc. Es wird auch harmonische Wirkung als Textausdeutung genutzt, ich denke da gerade an einen Liedsatz von Thomas Stoltzer, "Ich klag den Tag".
    Interessant ist ja auch die aufkommende Etablierung der Terz als Konsonantes Intervall (ursprünglich dissonant und verboten) und ihr Einsatz in Schlussakkorden, Stichwort picardische Terz.
    Ganz ohne Frage etabliert sich der homophone Satz erst im 17. Jahrhundert als gleichwertig zum polyphonen, die Entwicklung setzt aber noch im 15. Jh. ein und als musikalisches Ausfrucksmittel ist er im ganzen 16. Jh. präsent.

    Ein klares Jein!


    Wie gesagt grundsätzlich keine Frage: es stand das Denken in Linien und nicht in Zusammenklängen im Vordergrund. Auch die Entwicklung der Notenschrift spiegelt das. Die ersten Schriften (Neumen) ermöglichen die Aufzeichnung der Linie aber nicht oder nur sehr ungefähr das gleichzeitige Erklingen von Stimmen.


    Andererseits gibt es Anleitungen zum improvisierten Erfinden einer weiteren Stimme zu einer bestehenden mehrstimmigen Komposition, bei der man sich um die Linie nicht so viele Gedanken macht, dafür um das entstehende Intervall im Zusammenklang.


    Daß Klangwirkungen durch harmonische Phänomene wichtig werden, würde ich deutlich vor der seconda prattica ansiedeln. Im ganzen 16. Jh. ein Feld des Ausprobierens, so ab Dufay immer wichtiger werdend!

    An Vellard führt definitiv kein Weg vorbei! Das ist auch für mich die maßstabsetzende Aufnahme!
    Graindelavoix hat die zweite Einspielung vorgelegt, die man kennen sollte.


    Bezüglich des Spaltklanges: nach allem was man weiß, ist es sicher richtig, daß der Fokus auf "unabhängiger" Polyphonie, bei der Der Zusammenklang eher zufällig entsteht, lag. Das legen sowohl die Entwicklung der Mehrstimmigkeit als auch bei aller Vorsicht bildlich überlieferte Instrumentalbesetzungen nahe. Nur: entsteht in einer gotischen Kirche angesichts des Nachhalls nicht eh ein sehr organisches Klanggebilde?!

    Ich finde z.B. diese Aufnahme sehr gelungen:




    Joh. Seb. Bach
    Orgelwerke
    Franz Raml
    Gottfried-Silbermann-Orgel der Hofkirche zu Dresden
    OEHMS OC 573


    Die Orgel bietet ein ungemein farbiges und dennoch durchhörbares Plenum an. Franz Raml legt Wert auf sprechende Artikulation ohne das Werk in Abschnitte zerfallen zu lassen.



    Die Aufnahme auf dem Pedalcembalo, die mich zur Zeit beschäftigt:




    Johann Sebastian Bach
    Klavierwerke
    Luc Beauséjour
    Analekta AN 2 9970


    Die Aufnahme ist diskutabel, das ganze Thema Pedalcembalo lohnt einen näheren Blick. Interessant ist, in jedem Fall, wie das Werk durch Artikulation zum Leben gebracht wird.

    Ich sehe Bachs Passacaglia nach allem, was ich über barocke Aufführungspraxis weis, grob als:

    • Plenumstück, das auch in selbigem durchgespielt werden soll. Organische Entwicklung und Aufbau der Komposition ergeben sich quasi durch eine
    • Reichhaltige Artikulation, die den einzelnen rhetorischen Figuren gerecht werden muß. Da hat ein Legato seinen Platz, aber auch andere Artikulationen.
    • Als Tempo sollte als Grundlage die überlieferten Tempi dienen, die sich natürlich dem Kirchenraum anzupassen haben.


    Schweizer hat das Werk ja mit dem Pedalcembalo in Verbindung gebracht, quasi unterstellt das Werk sei für so ein Instrument geschrieben worden. Diese These ist so natürlich nicht haltbar. Allerdings hat die Passacaglia in der Interpretation auf einem Pedalcembalo nachhaltig mein Interesse geweckt. Gerade hier überzeugt mich die Stringenz der Entwicklung sehr, die rein aus der Artikulation kommt. Etwas was viele Organisten vermissen lassen, weil sie sich (all)zu sehr auf Ihre Register verlassen.