Beiträge von Yorick

    Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner

    Zitat
    Ich hörte gestern – werden Sie es glauben? – zum zwanzigsten Male Bizets Meisterstück. Ich harrte wieder mit einer sanften Andacht aus, ich lief wieder nicht davon. Dieser Sieg über meine Ungeduld überrascht mich. Wie ein solches Werk vervollkommnet! Man wird selbst dabei zum »Meisterstück«. – Und wirklich schien ich mir jedesmal, daß ich Carmen hörte, mehr Philosoph, ein besserer Philosoph, als ich sonst mir scheine: so langmütig geworden, so glücklich, so indisch, so seßhaft... Fünf Stunden Sitzen: erste Etappe der Heiligkeit! – Darf ich sagen, daß Bizets Orchesterklang fast der einzige ist, den ich noch aushalte? Jener andere Orchesterklang, der jetzt obenauf ist, der Wagnersche, brutal, künstlich und »unschuldig« zugleich und damit zu den drei Sinnen der modernen Seele auf einmal redend – wie nachteilig ist mir dieser Wagnersche Orchesterklang! Ich heiße ihn Schirokko. Ein verdrießlicher Schweiß bricht an mir aus. Mit meinem guten Wetter ist es vorbei. Diese Musik scheint mir vollkommen. Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig, sie schwitzt nicht. »Das Gute ist leicht, alles Göttliche läuft auf zarten Füßen«: erster Satz meiner Ästhetik. Diese Musik ist böse, raffiniert, fatalistisch: sie bleibt dabei populär – sie hat das Raffinement einer Rasse, nicht eines einzelnen. Sie ist reich. Sie ist präzis. Sie baut, organisiert, wird fertig: damit macht sie den Gegensatz zum Polypen in der Musik, zur »unendlichen Melodie«. Hat man je schmerzhaftere tragische Akzente auf der Bühne gehört? Und wie werden dieselben erreicht! Ohne Grimasse! Ohne Falschmünzerei! Ohne die Lüge des großen Stils! – Endlich: diese Musik nimmt den Zuhörer als intelligent, selbst als Musiker – sie ist auch damit das Gegenstück zu Wagner, der, was immer sonst, jedenfalls das unhöflichste Genie der Welt war (Wagner nimmt uns gleichsam[905] als ob – –, er sagt ein Ding so oft, bis man verzweifelt – bis man's glaubt). Und nochmals: ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet zuredet. Auch ein besserer Musikant, ein besserer Zuhörer. Kann man überhaupt noch besser zuhören? – Ich vergrabe meine Ohren noch unter diese Musik, ich höre deren Ursache. Es scheint mir, daß ich ihre Entstehung erlebe – ich zittere vor Gefahren, die irgendein Wagnis begleiten, ich bin entzückt über Glücksfälle, an denen Bizet unschuldig ist. – Und seltsam! im Grunde denke ich nicht daran, oder weiß es nicht, wie sehr ich daran denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir währenddem durch den Kopf... Hat man bemerkt, daß die Musik den Geist frei macht? dem Gedanken Flügel gibt? daß man um so mehr Philosoph wird, je mehr man Musiker wird? – Der graue Himmel der Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug für alles Filigran der Dinge; die großen Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem Berge aus überblickt. – Ich definierte eben das philosophische Pathos. – Und unversehens fallen mir Antworten in den Schoß, ein kleiner Hagel von Eis und Weisheit, von gelösten Problemen... Wo bin ich? – Bizet macht mich fruchtbar. Alles Gute macht mich fruchtbar. Ich habe keine andre Dankbarkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafür, was gut ist. 2 Auch dies Werk erlöst; nicht Wagner allein ist ein »Erlöser«. Mit ihm nimmt man Abschied vom feuchten Norden, von allem Wasserdampf des Wagnerschen Ideals. Schon die Handlung erlöst davon. Sie hat von Mérimée noch die Logik in der Passion, die kürzeste Linie, die harte Notwendigkeit; sie hat vor allem, was zur heißen Zone gehört, die Trockenheit der Luft, die limpidezza in der Luft. Hier ist in jedem Betracht das Klima verändert. Hier redet eine andere Sinnlichkeit, eine andere Sensibilität, eine andre Heiterkeit. Diese Musik ist heiter; aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie hat das Verhängnis über sich, ihr Glück ist kurz, plötzlich, ohne Pardon. Ich beneide Bizet darum, daß er den Mut zu dieser Sensibilität gehabt hat, die in der gebildeten Musik Europas[906] bisher noch keine Sprache hatte – zu dieser südlicheren, bräuneren, verbrannteren Sensibilität... Wie die gelben Nachmittage ihres Glücks uns wohltun! Wir blicken dabei hinaus: sahen wir je das Meer glätter? – Und wie uns der maurische Tanz beruhigend zuredet! Wie in seiner lasziven Schwermut selbst unsre Unersättlichkeit einmal Sattheit lernt! – Endlich die Liebe, die in die Natur zurückübersetzte Liebe! Nicht die Liebe einer »höheren Jungfrau«! Keine Senta-Sentimentalität! Sondern die Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unschuldig, grausam – und eben darin Natur! Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter ist! – Ich weiß keinen Fall, wo der tragische Witz, der das Wesen der Liebe macht, so streng sich ausdrückte, so schrecklich zur Formel würde, wie im letzten Schrei Don Josés, mit dem das Werk schließt: »Ja! Ich habe sie getötet, ich – meine angebetete Carmen!« – Eine solche Auffassung der Liebe (die einzige, die des Philosophen würdig ist –) ist selten: sie hebt ein Kunstwerk unter tausenden heraus. Denn im Durchschnitt machen es die Künstler wie alle Welt, sogar schlimmer – sie mißverstehen die Liebe. Auch Wagner hat sie mißverstanden. Sie glauben in ihr selbstlos zu sein, weil sie den Vorteil eines andren Wesens wollen, oft wider ihren eigenen Vorteil. Aber dafür wollen sie jenes andre Wesen besitzen... Sogar Gott macht hier keine Ausnahme. Er ist ferne davon zu denken »was geht dich's an, wenn ich dich liebe?« – er wird schrecklich, wenn man ihn nicht wiederliebt. L'amour – mit diesem Spruch behält man unter Göttern und Menschen recht – est de tous les sentiments le plus égoïste, et par conséquent, lorsqu'il est blessé, le moins généreux. (B. Constant.)

    Diese Entgleisung nehme ich dem mir wichtigsten Ahn wirklich übel; auch wenn ich weiß, was biografisch dahintersteckt und was der Sinn des Angriffs ist. Aber auch, wenn er Bizt überzeichnet, um Wagner zu schaden; Recht hat er natürlich bezüglich Carmen.

    Eigentlich zuviel für ein bürgerliches Publikum Ende des 19. Jahrhunderts.

    *yes*


    Wiki schreibt zur Erstaufführung:

    Zitat
    Bei der Erstaufführung (mit Célestine Galli-Marié in der Titelrolle) reagierte das Publikum nach anfänglicher Begeisterung immer kühler. Der unkonventionelle Inhalt und Bizets revolutionäre Abweichungen von der gewohnten Form der Opéra-comique wurden vom biederen Publikum nicht aufgenommen. Viele Kritiker fielen über das Werk her. Die Uraufführung war nicht der erhoffte Erfolg, wenn auch kein Reinfall. Die Oper trat deshalb die nächste Zeit nur schwach aus der Opernszene hervor. Der eigentliche Erfolg wurde erst später erzielt.

    Fahre ich heute extra nach Hof, 50km hin und 50km zurück; kaufe für sehr teures Geld eine Autorampe, weil Babsi nicht reinspringt; komme heim, mache den Kofferraum auf und drehe mich rum, um die Rampe auszupacken und aufzubauen, da rumpelt es hinter mir und der Hund sitzt im Kofferraum, ist von allein reingesprungen. Ich glaub, meine Oma knutscht mit Elvis ...

    Wikipedia: Carmen


    Hinweis JD: Es gibt zwei Fassungen ...

    Zitat
    1. die Pariser Fassung mit Gesang und gesprochenen Dialogen (Uraufführungsfassung)
    2. die Wiener Fassung mit Gesang, Balleteinlagen und Rezitativen (bearbeitet von von Ernest Guiraud)


    Wann immer ein Ranking zu den schönsten, beliebtesten, bedeutendsten etc. Opern erstellt wird; sei es von Fachleuten oder via Vox Populi, die Carmen ist immer dabei unter den ersten zehn, meist sogar auf dem Podium und oft mit dem Siegerkranz. Kein Wunder eigentlich, schaut man sich das Sujet an und taucht man ein in die exotische farbenprächtige Musik.


    Da ist zuerst der Held, natürlich ein schneidiger Soldat, entbrannt in reiner Liebe wie ein Tor; da ist sein Vorgesetzer, wir haben ein tugendhaftes sittsames Frauenzimmer und selbstredend eine Femme fatale aus dem Bilderbuch; ethnisch auffällig, exotisch, rassig, ungezähmt, wild, ruchlos. Das feurige Weib verhext den edlen Ritter und zieht ihn aus dem bürgerlichen Leben in das archaische der Halbwelt. Wir haben also Schmuggler im Gebirge, eine Wahrsagerin, einen feschen Torero und viel Spektakel. Männliche Stolze, zurückgewiesene Liebe und weiblicher Freiheitsdrang bis zur Selbstaufgabe sind die Motoren des Dramas, das unweigerlich mit einem Mord endet, enden muss.


    Diese Tragödie am Rande des Kitschs hat das Zeug, aus dem reinen Klassikbereich in die Popkultür zu mäandern und das tat sie ausgiebig, wie die Rezeptionsgeschichte zeigt. Der Erfolg einer jeden klassischen Aufführung hängt sicher hauptsächlich von prächtiger Ausstattung und Bühnenbild ab; vor allem aber von der Besetzung der beiden wichtigsten Protagonisten. Wenn man den falschen Don José hat, mag es eine mittlere Katastrophe sein; mit der falschen Carmen, einer zu biederen oder kalkulierenden, fällt die ganze Oper. Eine schon mythische Erscheinung wie die Callas dürfte noch auf Jahrzehnte ihren Schatten über alle künftigen Zigeunerinnen werfen.


    Georges Bizet

    Carmen


    Shirley Verrett

    Placido Domingo

    Jose van Dam

    Kiri Te Kanawa

    Richard van Allan

    Thomas Allen


    Royal Opera House Covent Garden Orchestra

    Georg Solti
    1973


    Hört da jemand auf die Musik? Die Bruderschaft vielleicht? 8-)

    Vielen Dank, lieber JD. :love:


    Ich habe gestern diese hier gehört mit der Callas:



    Georges Bizet

    Carmen

    Maria Callas

    Nicolai Gedda

    Andrea Guiot

    Robert Massard


    Orchestre de l'Opera National de Paris

    Georges Pretre
    1964


    Natürlich eine Traumbesetzung, natürlich der Klang nicht überwältigend. Und ich weiß nicht, wie oft die Class die Carmen aufgenommen uund ob es also bessere Aufnahmen mit ihr gibt. Da fehlen eben Falstaff und Palestrina.

    CD 3


    Hugo Alfven

    Dalarapsodi op.47
    Sinfonie Nr. 3 E-Dur op. 23 (1905)
    „Den förlorade sonen“ (Der verlorene Sohn), Ballett (1957) - Suite


    Royal Stockholm Philharmonic Orchestra

    Neeme Järvi

    3.-5. Dezember 1987

    CD 1


    Felix Mendelssohn Bartholdy

    Lieder ohne Worte (Gesamtaufnahme): (op. 19b, 30, 38, 53, 62, 67, 85, 102)
    +Variations serieuses op. 54


    Variationen d-moll op. 54 (Variations sérieuses)

    Lieder ohne Worte op. 19 Nr. 1-6

    Lieder ohne Worte op. 30 Nr. 1-6

    Lieder ohne Worte op. 38 Nr. 1-6

    Lieder ohne Worte op. 53 Nr. 1-6


    Michael Korstick (Klavier)
    2009/2010


    Letzte Nacht ...