Beiträge von Falstaff

    Lieber Yorick, Dank an dich, dass du diesen Thread zu dieser wirklich hochinteressanten Sängerin eröffnet hast. Die Aufnahmen, die ich von ihr besitze (und das sind leider nicht viele) hast du bereits gepostet, so dass von mir keine neue dazu kommt. Kennengelernt habe ich sie mit der Mozart-/Strauss-CD unter Abbado, die wirklich sehr viel versprach. Und gerade in diesem Repertoire habe ich die besten Leistungen von ihr gehört. Was nicht heißt, dass sie nicht bei anderen Komponisten ähnlich tolle Leistungen abliefert. Ihre Lulu würde mich z.B. live einmal sehr interessieren.
    Ihr Cherubino aus Salzburg erschüttert mich übrigens immer wieder. Sie und Harnoncourt waren überhaupt der Grund, warum ich mir diese Aufnahme zugelegt habe.
    Ähnliches gilt übrigens auch für ihre Winterreise. Von Lehmann über Ludwig und Fassbaender habe ich allerdings auch kein Problem mit weiblichen Interpreten. Anderenfalls tut man sich da sicherlich schwerer. ;)

    Na, da fühle ich mich als Hamburger ja nun doch mal herausgefordert. :)


    Zunächst einmal fand ich die Programmgestaltung höchst interessant. Auch der Verzicht auf die Pausen war, nach meiner Ansicht gelungen. Natürlich ging es darum, die Akustik in allen Facetten darzustellen. Aber ein klassisches Festprogramm mit gängigen Stücken wäre dem Raum nicht angemessen gewesen. Sein Mut, hier neue und durchaus ungewohnte Wege zu gehen, finde ich bewundernswert. Allein die Eröffnung mit diesem stillen Werk von Britten zu beginnen - Hut ab! Zudem sollten die Werke ja nun eingefahrene Hörgewohnheiten nicht völlig überfahren haben sollten. Selbst die UA von Wolfgang Rihm klang ja fast brav.


    Um die gesamte Breite des klassischen Repertoires abzudecken, dazu auch Jazz, Weltmusik und Rock/Pop braucht es einen Saal mit einer gewissen Größe. Dein abgebildeter Konzertsaal, lieber Travinius, ist wunderschön, aber für Mahler, Bruckner, Strauss, für klassische und aktuelle Moderne wohl nicht geeignet. Wobei kein Platz, bei einem Fassungsvermögen von mehr als 2000 Zuschauer, mehr als 30 Meter vom Dirigenten entfernt ist. Das ist architektonisch schon eine ziemliche Meisterleistung und bietet, im Vergleich zur Laeiszhalle, eine enorme Verbesserung.


    Über Ästhetik kann man sicherlich streiten. Ich warte diesbezüglich meine Erstbegegnung mit dem Raum Anfang Februar ab. Von den Fotos her finde ich ihn allerdings beeindruckend und wunderschön. Aber das ist, wie gesagt, reine Geschmackssache.


    Was mich gestern eher genervt hat, war die musikalische Leitung. Gerade die modernen Werke (v.a. der Liebermann) klangen viel zu brav und verwaschen, der Wagner entwickelte überhaupt keinen Klang und den 4. Satz der 9. fand ich größtenteils langatmig.

    Mit einer Ausnahme - Brahmsens Erste MUSS man hören, wann immer man kann ...


    Lieber Yorick, grundsätzlich hast du natürlich recht. Und das war schon ein Luxusverzicht. Schließlich bin ich gut 1,5 Stunden für 20 Minuten Konzert gefahren. Aber in diesem Fall ging es wirklich nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, das wäre nun der Klacks Sahne zu viel, der alles ruiniert. :D

    Dvorák - Karneval op. 92
    Liszt - Klavierkonzert Nr. 1
    Johannes Brahms - Symphonie Nr. 1 op. 68


    Martha Argerich, Klavier
    Hamburger Symphoniker
    Felix Mendelssohn Jugendsinfonieorchester


    Ion Marin, Dirigent


    Nachdem ich die Argerich zweimal verpasst habe, weil sie ihre Konzerte absagte, befürchtete ich erneut, dass ich sie nicht hören würde. Noch in der Nacht war mein Dorf von einer zwar dünnen, aber recht hartnäckigen Eisschicht überzogen. Zum Glück entspannte sich die Lage dann aber und ich konnte recht problemlos in die Stadt kommen.


    Der Dvorák war schmissig, auch durchaus sehr empfindsam, aber letztlich dann doch nur ein Appetizer für den eigentlich Höhepunkt des Konzertes.


    Selten ist es mir passiert, dass ich mit den ersten Tönen auf die Sitzkante rutschte und dort auch während der folgenden rund 20 Minuten verblieb. Dabei waren die einleitenden Passagen der Argerich noch recht unsicher. Klangen jedenfalls so. Spontan hatte ich die Vorstellung, dass sie in den Orchesterwogen untergehen würde. Aber sie kämpfte sich dann doch mit Furor daraus hervor. Und dieses Kämpferische bestimmte ihre gesamte Interpretation. Da erklangen Töne von jemandem, der sich durch ein Leben kämpft, der alle Höhen und Tiefen, alle Leidenschaften, alle Emotionen, alles Jubelnde und Trotzige, alles Verzehrende und alle Schönheit er- und durchleben will. Und der dafür nicht unbedingt ein Orchester, eine Gesellschaft, braucht. Zwar wird diese Menge angenommen, zwar lässt man sich davon mittragen, anstacheln, weiterführen. Aber eigentlich war dies eine sehr individualistische Interpretation. Ein 'Ich' im Vordergrund. Eine durchaus interessante Sichtweise.


    Die Argerich verfügt über eine Qualität, die vielleicht nur die größten Pianisten besitzen. Die Fähigkeit jeden, wirklich absolut jeden Ton mit Emotion, Tiefe und Schönheit aufzuladen. Ich wartete geradezu auf jeden neuen Ton, auf jeden neuen Klang, den sie hervorbringen würde. Und bedauerte zutiefst, dass sie das Tempo zum Schluss noch einmal ziemlich anzog. So ging es halt schneller vorbei. ;)


    Pianistisch ist sie nach wie vor überragend. Die virtuosen Partien und davon gibt es ja eine ganze Menge, gelangen ihr ebenso wie die stillen, lyrischen Momente mit einer faszinierenden Sicherheit.


    Nach der Pause gab es dann die 1. Brahms. Da war ich aber schon wieder auf der Autobahn. Nach dem Klavierkonzert war ich so übervoll, dass ich ein weiteres Musikstück nicht mehr hätte ertragen können.


    Lazar Berman, Wiener Symphoniker, Carlo Maria Giulini, 1976


    Eine Aufnahme, die auf seitens Berman die gesamte Bandbreite romantischer Gefühlswelt enthält, von den mit donnernder Wucht und gleichzeitig fast resignativ vorgetragenem Beginn über tiefe Melancholie bis zum trotzigem Aufschwung und jubelnder Verzückung. Giulini ist dabei ein wunderbarer Begleiter, Unterstützer, Gesprächspartner, auch Antreiber, Widerpart.


    Richard II., Henry IV., Henry V. - Ben Wishaw, Jeremy Irons, Tom Hiddleston, Patrick Stewart, Julie Waters, Simon Russell Beale, John Hurt, TV 2012


    Im Moment ist mal wieder Richard II. dran. Die Engländer schaffen es doch immer wieder, nicht nur grandiose Schauspieler hervorzubringen, sondern auch wunderbare Produktionen.

    György Cziffra, Orchestre de Paris, György Cziffra Jr., 1968


    Witzig. Genau das hörte ich heute auch und habe mir den Berman für den nächsten Tag zurecht gelegt. Über den Cziffra, so begeistert ich von ihm bin, habe ich ja schon bei den 'Etudes d'exécution transcendante' geschrieben. Das ist eine Aufnahme, die einen wirklich in Rausch versetzt. Aber....


    Mal sehen, wie ich morgen den Berman höre.

    Ich kann das, glaube ich, unterschreiben; möchte aber noch anmerken, dass ich mir hier nicht wirklich sicher bin, inwieweit das virtuose Element bei diesen Stücken nicht derart substantiell ist, dass Cziffra vielleicht näher dran ist an Liszt und an der "Wahrheit" als der "hineingeheimnissende" und doch auch romantisierende Berman, der mehr Schubert und Schumann im Sinn hat denn den ollen Franz.


    Ich befürchte, genau an diesem Punkt geht das mit dem Geschmack, also mit dem, was man liebt oder sucht, los. Persönlich denke ich nicht, das die 'Etudes d'exécution transcendante' eher auf der Virtuosenseite ihre Bestimmung finden. Aber man kann sie sicherlich so sehen. Und Virtuosentum gehört zweifelsohne dazu. In welchem Grad - eben da kommt der eigene Geschmack mit hinein.


    Ich hörte heute noch einmal das 1. und 2. KK mit Cziffra. Das ist schlichtweg überwältigend. Und gerade auch die Partnerschaft mit seinem Sohn als Dirigent macht die Aufnahme besonders intensiv. Und trotzdem... Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da ein Hauch fehlt. Wirklich nicht viel. Nur etwas, was auch tiefer dringt. Egal, ob nun Schubert oder Schumann oder andere da Paten standen. Dies 'Bedienen' bei anderen Komponisten finde ich durchaus legitim, wenn es dann andere Einsichten zu Tage fördert.

    Bei den Opern hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale, die - wie der originäre Film - genau auf die jeweiligen Acteure und Acteusen zugeschnitten waren,


    Aber hatte das der Komponist nicht eingeplant? Schon die Aufführung des Werkes an einem anderen Ort als den der Uraufführung bedeutete andere Interpreten. Und mit Sicherheit war den allermeisten Komponisten daran gelegen, dass ihr Werk, in das sie so viel Kraft und Arbeit investiert haben, nicht nur an einem Ort und auch nicht nur für eine Serie gespielt werden sollte. Und sicherlich hatte auch nicht jeder die Möglichkeit, sein Werk direkt auf Interpreten zuzuschneiden. Das "hören wir ja auch nicht (mehr) die Originale" würde ja fast in letzter Konsequenz darauf hinauslaufen, dass wir die Werke gar nicht mehr hören können/dürfen, weil die ursprünglichen Interpreten zwangsläufig nicht mehr zur Verfügung stehen.


    Folglich müssen wir bereit sein, Werke so zu hören, wie sie dem inneren Ohr des Komponisten, das wir ja auch nicht kennen, möglicherweise nicht entsprechen. Von daher habe ich kein Problem damit, Werke in veränderter Form wahrzunehmen.


    Was das obige Beispiel angeht, nervt mich nur die jetzige Mode in den Theatern: 'Wir bringen das Theaterstück zum Film, zum Buch.' Als wenn ihnen nichts Eigenes einfallen könnte/sollte.


    Eingedenk der kommenden Hamburger Otello-Premiere höre ich einmal wieder in die Aufnahme der letzten von 1975 hinein. Levine dirigierte damals das Debüt von Domingo. Leider habe ich diese Serie nicht erlebt, aber dafür die Inszenierung von August Everding immer wieder, mit Domingo, Atlantow oder Bonisolli gehört. Es fällt mir schon sehr schwer, nun künftig darauf verzichten zu müssen.


    Thomas Mann liest seine eigene Novelle. Es ist mal wieder Thomas-Mann-Zeit bei mir. Mann selber war ein wunderbarer Vorleser. Zunächst verwirrt mich seine scheinbar betulich-altväterliche Sprechweise immer wieder. Aber sofort zieht er einen in seinen Bann.

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    Sinfonie Nr. 2 (1956-58), Orchestre National de la RTF, Carles Munch, 1958


    Florent Schmitt (1870-1958), ein Wanderer nicht nur zwischen den musikalischen Welten von Romantik und Moderne, sondern eben auch politisch bedenklich. Ein Umstand, der ihm möglicherweise seine Anerkennung nach 1945 gekostet hat.
    Trotzdem empfinde ich seine 2. Sinfonie (das einzige Werk, dass ich von ihm kenne), gerade in dieser Brüchigkeit und Unentschiedenheit, als extrem spannend, widersprüchlich, als ein Werk von jemandem, der immer noch nicht seine Position innerhalb der Kunst gefunden hat. Wobei die Frage ist, ob das notwendig ist. Ein Individualist der Kunst. Mindestens zeitweise wohl auch in seiner politischen Haltung.