Beiträge von pm.diebelshausen

    Dieses junge Ensemble ist nicht zu verwechseln mit Ensemble Prisma Wien und Ensemble Prisma. Die vier Musizierenden Elisabeth Champollion, Franciska Anna Hajdu, Dávid Budai und Alon Sariel haben sich hier seit 2015 der Musik des 16./17. Jahrhunderts verschrieben und gewannen damals den 1. Preis des Internationalen Heinrich Ignaz Franz Biber Wettbewerb in Österreich. Dort wurde das Ensemble als "ungarisch" geführt, während es eher als "international" betitelt werden könnte.


    Elisabeth Champollion studierte in Bremen und Lyon Blockflöte bei Han Tol, Dörte Nienstedt und Pierre Hamon, spielt auch bei Boreas Quartett Bremen und Ensemble Volcania und lehrt seit 2019 Blockflöte/Consort- und Ensemblespiel an der Hochschule für Künste Bremen. Die Ungarin Franciska Anna Hajdu studierte Violine am Varga Tibor Institute of Musical Art in Györ und Barockvioline an der Hochschule für Künste Bremen bei Veronika Skuplik und war unter anderem mit dem Ensemble Weser-Renaissance und L'arpeggiata zu hören. Dávid Budai ist ebenfalls Ungar, begann auf der Violine und studierte dann Gambe in Leipzig und seit 2012 in Bremen bei Hille Perl. Auch er trat bereits mit Weser-Renaissance auf, des weiteren mit dem Bremer Barock Consort, Resonantia Leipzig und dem Michaelis Consort. Alon Sariel schließlich stammt aus Israel, ist Mandolinist, Lautenist und Dirigent, lernte in Jerusalem, Brüssel und Hannover und leitet das Ensemble Concerto Foscari, in dem übrigens auch die anderen drei Prismen in Erscheinung treten.


    Positiv bescheinigt wird dem Ensemble meist Spielfreude, Ideenreichtum und eine ausgeprägte Vorliebe für die Improvisation. 2019 gaben/geben Prisma neun Konzerte, überwiegend in Deutschland und Österreich. Bislang ist lediglich eine Einspielung aus dem Jahr 2018 auf CD erschienen (von mir im "Jetzt im Ohr"-Thread angesprochen und nun hier hin gebaut), unter anderem darin enthalten folgende angejazzte Tarantella von Athanasius Kircher:


    Quellen:

    https://www.prisma-music.eu/ueber-uns

    http://www.fiorimusicali-biber…o/teilnehmer15/Prisma.pdf

    https://www.elisabethchampollion.de/vita

    https://www.concerto-foscari.de/ensemble



    The Seasons (Works by Castello, Marini, Merula, Uccellini...)


    Prisma:

    Elisabeth Champollion: Flöte

    Franciska Anna Hajdu: Violine

    Dávid Budai: Viola da Gamba

    Alon Sariel: Laute
    2018


    Das Programm der CD:


    Zephyros - Spring

    Champollion: Prelude for recorder

    Palestrina: Vestiva i colli

    Turini: Sonata "E tanto tempo hormai"

    Uccellini: Maritati insieme la gallina, E'l cucco fanno un bel concerto

    Ciaconna: Variations by Monteverdi, Merula, Bertali and Dávid Budai


    Notos - Summer

    Hajdu: Prelude for violin solo

    Uccellini: La Luciminia contenta

    Fontana: Sonata settima

    Budai: Canario


    Euros - Autumn

    Anonymus: Prelude for lute solo/Upon la mi re

    Merula: La Cattarina

    Castello: Sonata duodecima

    Falconieri: Passacaille

    Interlude: Improvisation on Les Feuilles Mortes (Yves Montand, 1921-1991), extract from "La Caravaggia" by Tarquinio Merula

    Tarantella: Variations By Athanasius Kircher


    Boreas - Winter

    Marini: Prelude for viola da gamba based on "Retirata" from Baletto secondo

    Falconieri: La suave melodia

    Turini: Sonata a due canti

    Mantovana: Variations By Uccellini And Marini



    Ein Programm, das sich mit Musik der Renaissance am Übergang zum Frühbarock durch den Verlauf der Jahreszeiten bewegt, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dabei wechseln sich Sonaten, Tarantellen und Chaconnes und andere hübsche Kleinigkeiten großer Expressivität mit Solo-Präludien zu jeder Jahreszeit ab, teils ist das neu komponiert von Ensemblemitgliedern, teils von ihnen arrangiert.


    Nun bin ich mir nicht recht im Klaren, ob das Ganze frech oder brav ist. Doch, doch, da zwitschert und schabt es mitunter ganz schön und auch mit Humor - beispielsweise schwirrt im "Prelude for violin solo" des Sommers eine Fliege herum, bis sie zerpatscht wird, aber allein ist sie natürlich nicht. Und hier gelingt der Übergang zu Uccellinis "La Luciminia Contenta" ebenso geschmeidig wie spannungsreich und dynamisch, übrigens auch zu Beginn des Programms, wo sich eine verträumte, impressionistisch-chromatisch gefärbte Flöte schließlich in Palestrinas "Vestiva i colli" verfängt. Das gefällt mir gut. Ebenso das Spiel der vier Musizierenden: zart, präzise und verspielt. Mitreißend ist das eher nicht, dafür aber heimelig. Andererseits ist dann so etwas wie die zusammenarrangierten Ciaconna-Variationen zwar schön, aber nicht weiter überraschend (Chaconne geht immer...). Manchmal ist mir nicht ganz klar, wie konsequent oder doch auch beliebig das Programm gewählt ist. Und ein wenig fehlt mir persönlich der Schmutz und Staub und Matsch mancher Jahreszeit. Andererseits verdutzt dann aber eine kurze, jazzige Improvisation über "Les Feuilles Mortes" ("Autumn Leafs"). Jedenfalls geht das Ensemble sehr frei an die Arrangements. Es ist wohl beides: frech und brav.


    Beim Sound störte mich zunächst die doch etwas schneidende Violine nach den warmen Flöten- und Lautenklängen der ersten Stücke in Turinis Sonata "E tanto tempo hormai" (mit einem meiner Lieblingsthemen aus "Il était une filette" oder "Une jeune filette"). Violine stört Flöte, schien mir zu laut. Ebenso ist die Laute erstaunlich laut, teils deutlicher als die Gambe, wodurch sich aber auch manch schön markante Pointen setzen lassen. Ich merke außerdem, dass sich mein Ohr daran gewöhnt. Am wenigsten gefällt mir das Booklet, dessen Text erstmal allgemein zu Epoche und Affekten dahinschwurbelt, dann die einzelnen Stücke erläutert (manchmal in falscher Reihenfolge), aber über manche Stücke auch mal gar nichts sagt oder z.B. mich mit dem folgenden und einzigen Satz zu Fontanas "Sonata settima" achselzuckend zurücklässt: "The highly expressive excerpt from the set recorded here consists of a seccession of short slow and virtuosic sections". Und das Cover-Artwork lässt keinesfalls auf die angenehme Wärme der Einspielung schließen. Kurz: die Präsentation stützt nicht gerade das Hörvergnügen.


    Trotz dieser Punkte: mir gefällt diese CD und eine nächste Veröffentlichung von Prisma werde ich mir zweifellos anhören bzw. Ausschau halten nach einem Auftritt in der Nähe.


    *sante*

    Von den letzten Sichtungen nur die besonders guten:


    The Tird Murder (Sandome no satsujin)

    Japan 2017

    Hirokazu Koreeda


    Spannend vielschichtiger japanischer Thriller mit Fokus auf den nicht eindeutigen Figuren, klasse gespielt, klasse fotografiert.


    Cure (Kyua)

    Japan 1997

    Kiyoshi Kurosawa


    Hervorragendes Vexierspiel zwischen Täter und Ermittler. Die übernatürliche Prämisse könnte in anderen Händen im Peinlichen steckenbleiben, aber Kiyoshi Kurosawa erzählt glücklicherweise mit Genremitteln stets von anderem.


    Creepy (Kurîpî: Itsuwari no rinjin)


    Japan 2016

    Kiyoshi Kurosawa


    Erneut ein Kurosawa erster Sahne, für mich bislang der beste neben Pulse. Präzise inszeniert, treffsicher die Schraube anziehend, herausragend besetzt (vor allem Teruyuki Kagawa als Nachbar) und dauerhaft unangenehm intensiv.



    Gate of Hell (Jigokumon)

    Japan 1953

    Teinosuke Kinugasa


    Japanischer Klassiker mit wunderbarer Farbgestaltung und ungewöhnlichem Übergang von historischem Epos zu persönlichem Dreiecksdrama.


    *sante*

    They Shall Not Grow Old

    Großbritannien, Neuseeland 2018

    Peter Jackson


    Technisch faszinierend und gelungen, wobei ein historischer Mehrwert für mich nicht entsteht. Die Synchronisierung wirkte auf mich besonders egal: was letztlich konkret gesagt und nun von Lippenlesern rekonstruiert wurde, ist - wie es Film ureigen ist - eben längst im Bild transportiert. Interessanter war der konstante Off-Text der Zeitzeugen, zwar sehr kleinteilig zerstückelt, aber dennoch eine Gestaltung von großem dokumentarischem Wert. Nun wird zu sehen sein, ob derartige Bildbearbeitung auch anderes altes Filmmaterial ergreift und inwieweit das Grenzen der Legitimität überschreiten oder neue Bereicherungen schaffen wird.


    Unter unserem Blickwinkel hier durchaus interessant, bedenkt man (bei allen bestehenden Unterschieden beider Kunstsphären) gewisse Parallelen der damaligen technischen Möglichkeiten von Film und dessen Neubearbeitung mit heutiger Technik einerseits und die technisch-instrumentalen Bedingungen alter Kompositionen und ihre Umsetzung auf modernen Instrumenten andererseits. Auch insofern kann Jacksons Film gedanklich anregend sein.

    Gestreamt, da als Geburtstagsgeschenk gekauft:



    Henryk Górecki (1933–2010)

    Sinfonie Nr. 3 op. 36 (Symfonia pieśni żałosnych – Sinfonie der Klagelieder)


    Beth Gibbons (Sopran)

    Polish National Radio Symphony Orchestra

    Krzysztof Penderecki

    2014, 2019


    Góreckis gängigste Komposition am 29. November 2014 live in Warschau mit der britischen Trip-Hop-Sängerin Beth Gibbons (Portishead) am Mikrophon. Eigentlich kann sie das nicht (im Sinne ausgebildeten Gesangs, Stimmlage, Kontrolle, Volumen usw.) - und wird der Trauer und Verzweiflung dieser Klagelieder gerade dadurch umso gerechter. Penderecki lässt übrigens etwas schneller spielen (rund 48 Minuten entgegen der 53-59 Minuten bisheriger Einspielungen).

    Zweimal "Lenore", vorgestern und heute (vielleicht demnächst etwas ausführlicher im Komponistenthread):



    Anton Reicha (1770-1836)

    Lenore - Dramatische Kantate nach Gottfried August Bürgers gleichnamiger Ballade für Soli, Chor und Orchester


    Vladimír Doležal - Tenor (Erzähler)

    Magdaléna Hajóssyová - Sopran (Lenore)

    Věnceslava Hrubá-Freiberger - Sopren (Mutter)

    Pavel Kamas - Bass (William)


    Czech Philharmonic Chorus

    Prague Chamber Orchestra

    Lubomír Mátl


    1989, 2000


    Zum Kennen- und Liebenlernen hat diese Aufnahme gereicht, ist sie auch nicht ansatzweise spektakulär, ist auch der Akzent der Solisten im Detail störend, ist auch der Hall mir zu viel und die Aufnahme (besonders bei Tenor und Bass) zu plärrend: die Sache ist ordentlich, aber nicht empfehlenswert, da es eine Alternative gibt. Dennoch erwischte mich die Komposition sofort, wohl allein schon weil ich fürs Schauerliche so empfänglich bin und Reicha musikgeschichtlich an spannender Position steht und vor treffenden Ideen strotzt. Deshalb:



    Camilla Nylund - Sopran (Lenore)

    Pavla Vykopalová - Mezzosopran (Mutter)

    Corby Welch - Tenor (Erzähler)

    Vladimír Chmelo - Bass (William)


    Prager Kammerchor

    Virtuosi di Praga

    Frieder Bernius


    2001, 2003


    Das nun ist die weitaus sattere Aufnahme, brilliant glasklar und samtig im Klang, stimmig im dramatischen Bogen vom zarten Sentiment zum Horrortrip wie auch in den kleinen Momenten und manchmal verblüffelnd wechselnden Gesten dieser Musik. Nicht opi-musiziert, aber Bernius' Kenntnisse kommen doch zum Tragen. Eine tatsächliche Einspielung auf angemessenen Instrumenten dürfte dem Reicha/Bürger-Horror aber gerne, gerne eine deftige Portion Haut und Knochen verpassen - wie herrlich könnte das gelingen! Alldieweil bleibt die Auswahl an Einspielungen leider (mit einer dritten, die ich nur sah, ebenfalls Mátl mit der selben Besetzung, aber von 1986) winzig.


    *sante*

    Als, nun ja, Bearbeitung von Schuberts Winterreise doch hier im Thread:



    Hannes Löschel Stadtkapelle: "Herz.Bruch.Stück/Im Wirtshaus"


    Klemens Lendl - Gesang, Violine

    Hannes Löschel - Piano, Fender Rhodes, Harmonium

    Michael Bruckner-Weinhuber - Gitarre

    Walther Soyka - Harmonika

    Karl Stirner - Zither, Gesang

    Bernd Satzinger - Bass

    Mathias Koch - Schlagzeug

    Thomas Berghammer - Trompete, Flügelhorn

    David Müller - Gesang

    Martin Eberle - Flügelhorn


    Dieses Doppelalbum (2012) stellt die Neuauflage von "Herz.Bruch.Stück" (2007) zusammen mit "Im Wirtshaus - Klemens Lendl singt Schubert" (Aufnahmen 2010) dar. Auf dem älteren Album war Schubert bereits aufgetaucht, neben Lehar, Walzern und Eigenkompositionen. "Im Wirtshaus" ist dann abgesehen von drei Bonustracks eine Folge von Liedern aus der "Winterreise". In Stil, Klang und Stimmung ergeben beide zusammen ein Ganzes, wobei "Herz.Bruch.Stück" schon noch etwas bruchstückhafter, "Im Wirtshaus" homogener ist. Deshalb die folgenden Worte mehr zu diesem.


    Weit ab von der klassischen Kunstliedinterpretation klingt diese Musik ungefähr als hätten Element of Crime während einer nächtlich deprimierten Kneipentour Tom Waits Wienerisch beigebracht, woraufhin er sturzbesoffen im Hotelzimmer Schubert hörte und in der darauffolgenden Nacht diese Stücke mit den Freunden von Hubert von Goisern als Gstanzln aufnahm, um sie unter dem Titel "Scheiß di net au!" zu veröffentlichen und den irgendwie unheimlichen Ort schnell wieder zu verlassen. Dabei sind die Arrangements überwiegend rumpelig, klimpernd, morbide, schräg, tänzerisch, auch mal jazzig und insbesondere melancholisch, ländlich und städtisch gleichermaßen. Lendls Idiom setzt dem noch des Erzherzogs verschliessenen Filzhut auf. Des gfoit ma eh.


    *sante*

    Als, nun ja, Bearbeitung von Schuberts Winterreise doch hier im Thread:



    Hannes Löschel Stadtkapelle: "Herz.Bruch.Stück/Im Wirtshaus"


    Klemens Lendl - Gesang, Violine

    Hannes Löschel - Piano, Fender Rhodes, Harmonium

    Michael Bruckner-Weinhuber - Gitarre

    Walther Soyka - Harmonika

    Karl Stirner - Zither, Gesang

    Bernd Satzinger - Bass

    Mathias Koch - Schlagzeug

    Thomas Berghammer - Trompete, Flügelhorn

    David Müller - Gesang

    Martin Eberle - Flügelhorn


    Dieses Doppelalbum (2012) stellt die Neuauflage von "Herz.Bruch.Stück" (2007) zusammen mit "Im Wirtshaus - Klemens Lendl singt Schubert" (Aufnahmen 2010) dar. Auf dem älteren Album war Schubert bereits aufgetaucht, neben Lehar, Walzern und Eigenkompositionen. "Im Wirtshaus" ist dann abgesehen von drei Bonustracks eine Folge von Liedern aus der "Winterreise". In Stil, Klang und Stimmung ergeben beide zusammen ein Ganzes, wobei "Herz.Bruch.Stück" schon noch etwas bruchstückhafter, "Im Wirtshaus" homogener ist. Deshalb die folgenden Worte mehr zu diesem.


    Weit ab von der klassischen Kunstliedinterpretation klingt diese Musik ungefähr als hätten Element of Crime während einer nächtlich deprimierten Kneipentour Tom Waits Wienerisch beigebracht, woraufhin er sturzbesoffen im Hotelzimmer Schubert hörte und in der darauffolgenden Nacht diese Stücke mit den Freunden von Hubert von Goisern als Gstanzln aufnahm, um sie unter dem Titel "Scheiß di net au!" zu veröffentlichen und den irgendwie unheimlichen Ort schnell wieder zu verlassen. Dabei sind die Arrangements überwiegend rumpelig, klimpernd, morbide, schräg, tänzerisch, auch mal jazzig und insbesondere melancholisch, ländlich und städtisch gleichermaßen. Lendls Idiom setzt dem noch des Erzherzogs verschliessenen Filzhut auf. Des gfoit ma eh.


    *sante*

    Noch ein paar Worte zu einem zurückliegenden Konzert am 16. September 2019 in der Kölner Philharmonie:


    Danish String Quartet

    Frederik Øland - Violine

    Rune Tonsgaard Sørensen - Violine

    Asbjørn Nørgaard - Viola

    Fredrik Schøyen Sjölin - Violoncello


    Johann Sebastian Bach

    Fuga a 3 Soggetti (unvollständig) aus: Die Kunst der Fuge BWV 1080


    Anton Webern

    Streichquartett (1905)


    Johann Sebastian Bach

    "Vor deinen Thron tret ich hiermit" BWV 668 aus: Achtzehn Choräle aus der Leipziger Originalhandschrift BWV 651–668 in einer Besetzung für Streichquartett


    Hans Abrahamsen

    10 præludier (1973, rev. 1976) Streichquartett Nr. 1


    Nordischer Folk


    Nein, das ist kein Originalklang-Ensemble. Ja, was die Vier erzeugen schmeichelt dennoch meinen Ohren. Warum?


    Aufmerksam wurde ich wegen ihrer Einspielungen skandinavischer Folklore in eigenen Arrangements auf Wood Works (2014) und Last Leaf (2017) - ihre Umsetzung sog. klassischer Musik kannte ich noch nicht. Diese Bearbeitungen von Liedern und Tänzen sind sophisticated (ich finde kein entsprechendes Wort, das die gleichen Konnotationen umfasst) und modern ohne die traditionelle Verwurzelung aufzugeben oder zu hintergehen. Intelligente Volksmusik in ungewöhnlichem Gewand. Das präsentierten sie im zweiten Teil des Konzerts mit kurzen Bemerkungen zur Herkunft der jeweiligen Melodien.


    Ein zweiter Grund liegt wohl im biografischen Fundament ihres Zusammenspiels. Die Dänen Øland, Sørensen und Nørgaard kennen sich seit ihrer Begegnung als Kinder in einem Musik-Sommerlager, studierten gemeinsam und entwickelten sich so wie von selbst zu einem Streichquartett, dem sich 2008 der norwegische Cellist Fredrik Schøyen Sjölin anschloss. Die Dynamik des Ensembles ist so gesehen das einer Band wie den Beatles und in ihrem Spiel kommen persönliche Ebenen zum Tragen. Freundschaft und homogener Klang.


    Das führt zum dritten Grund: die allen vier Musikern eigenen Vorstellungen zur Klangästhetik äußern sich in feinsinnigem Soundfetischismus. Aufgefallen sind mir beim Konzert vor allem das vibratoarme Spiel bzw. vielmehr der sehr bewusst und maßvoll dosierte Einsatz von Vibrato und der umfangreiche Gebrauch von Klangnuancen durch Spieltechniken. Häufig setzten sie innerhalb einzelner Stücke Dämpfer auf einzelne Seiten und entfernten sie wieder und manche Stellen langgezogener Akkorde aller vier hauten mich regelrecht vom Spieltisch einer Orgel.


    In gewisser Weise fand ich also an diesem Abend in der Musik des Danish String Quartet ein modernes Ensemble, das meinen Vorlieben hinsichtlich Lebendigkeit, Klangfaszination und Entdeckung musikalischer Landschaften jenseits der konventionell ausgetretenen Pfade, wie sie von Originalklangperspektiven bedient werden, absolut entgegen kommt. Und das auch bei so gewitzt modernen Stücken wie Abrahamsens Präludien-Streichquartett. Das Programm verschmolz auf sinnige Weise Altes und Neues zu Eigenem, was derlei Kategorisierungen angenehm obsolet machte. Und die Vier sind so locker und selbstbewusst dabei, dass alle Musik nichts als Musik ist - jenseits epochaler oder sonstiger Grenzen.


    *sante*




    2me Concerto pour Piano et Orchestre (1897)


    I Allegro

    II Adagio con sentimento profondissimo

    III Allegro vivo, scherzando

    IV Con molta fantasia: Allegro con fuoco


    Besetzung:

    Klavier

    2 Flöten

    2 Oboen

    2 B-Klarinetten

    2 Fagotte

    4 F-Hörner

    2 C-Trompeten

    Pauken

    Violinen

    Violen

    Violoncellos

    Kontrabässe


    Uraufführung : Pariser Oper, 30. Januar 1898


    Partitur


    Als Théodore Dubois sein 2. Klavierkonzert veröffentlichte, war er als Komponist etabliert, stand noch am Beginn seiner knappen Dekade als Direktor des Pariser Conservatoire und man sollte sich vor Augen halten, dass er insgesamt lediglich 11 konzertante Kompositionen schrieb, teilweise in kleinerer Form. Darüber hinaus fällt auf, dass - mit Ausnahme des Concerto Capriccioso von 1875 - alle Konzerte im Zeitraum zwischen 1889 und 1920 entstanden, mit einem Schwerpunkt um die Jahrhundertwende, zu deren Zeitpunkt er 63 Jahre alt war. Ähnlich verhält es sich bei seinen sinfonischen Werken. Konzerte und orchestrale Großformate waren offensichtlich nicht sein Hauptmetier und er fand recht spät zu ihnen.


    Das "A mon fils" gewidmete Konzert strahlt denn auch insgesamt nicht mit einem durch Virtuosität hervorstechenden Soloinstrument, das Klavier bindet sich meist eher in den Orchesterapparat ein. Der erste Satz ist mit zahlreichen, teils lyrisch-zarten Themen und Motiven der umfang- und abwechslungsreichste des in seiner Gänze abwechslungsreichen, kurzweiligen Konzerts. Das Adagio ist zugleich sehr schön, konventionell und eigen, aber der prägnanteste Satz ist zweifellos das Scherzo, über den Le Ménestrel nach der Premiere urteilte: l’allegro scherzando, qui est léger, vivace, d’un rythme élégant, et dont le seul défaut - défaut rare - est d’être trop court. Die erstaunliche Kürze von 175 Allegro-Takten, in der sozusagen französische Eleganz geritten wird und die durch Punktierungen, Staccato, Synkopen, Echos und Chromatik bzw. Halbtondissonanzen durchaus Witz, manchmal eine gewisse Trunkenheit entwickelt, rührt wenigstens zum Teil daher, dass Dubois die Kadenz des Klaviers con molta fantasia nicht ans Ende dieses Scherzos sondern an den Beginn des vierten Satzes platziert hat. Das zuvor begegnete Material wird hier noch einmal solistisch verarbeitet, während das Orchester schweigt, bevor es allegro ins große Finale einsteigt. Durch die Ungewöhnlichkeit des vorangehenden Satzes, die in diesem Konzert sonst meist vorhandene gegenseitige Überlagerung von Klavier- und Orchesterstimmen und die Engführung des Materials wird diese auskomponierte Kadenz zum betonten Dreh- und Angelpunkt des 2. Klavierkonzerts, das trotz Nähe zu Saint-Saëns und deutlicher Orientierung am Konventionellen einen eigenen, zwar nicht umwerfenden, aber doch teils charmant überraschenden und detaillierten Weg beschreitet. Das kann man typisch Dubois nennen.


    Quellen:

    https://www.theodoredubois.com/catalogue#anchor7

    https://www.theodoredubois.com…C2%B02%20(conducteur).pdf

    https://www.hyperion-records.co.uk/notes/67931-B.pdf





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    Théodore Dubois: Ouverture de Frithiof / Concerto pour piano N°2 / Dixtuor


    Vanessa Wagner - Érard 1874


    Les Siècles

    François-Xavier Roth

    2012


    On period instruments ist das rund 25-minütige 2. Klavierkonzert auf dieser CD in Live-Einspielung von Les Siècles mit Vanessa Wagner zu hören. Und zwar in jeder Hinsicht ebenso charmant wie die Komposition. Aufgefallen sind mir allein die arpeggierten Zweiunddreißigstel der Klarinetten im zweiten Satz, die zunächst so gut wie nicht hörbar sind, was sowas von marginal ist: erstklassige Aufnahme, die aus Dubois nicht mehr und nicht weniger macht als angemessen ist.


    *sante*

    Es gab schon vor Franco zwei Ansätze: 1995 ein Drehbuch von Steve Tesich, von Tommy Lee Jones dann bearbeitet, aber nicht umgesetzt worden, und Mitte der 2000er unternahm Ridley Scott mit William Monahan und Scott Rudin einen neuen Anlauf, der aber ebenfalls zum Erliegen kam.


    *sante*

    Auf dem Programm standen gestern Abend Werke im Windschatten der Ossian-Begeisterung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:


    Niels Wilhelm Gade:

    Efterklange af Ossian op. 1 (Ouvertüre für Orchester)


    Felix Mendelssohn-Bartholdy:

    Ouvertüre h-Moll "Die Hebriden" op. 26

    "On Lena's gloomy heath the voice of music died away" (Konzertarie für Bass und Orchester)


    Ludwig van Beethoven:

    "Could this ill ward have been contriv'd"

    "Come fill, fill my good fellow"

    "Oh! sweet were the hours"

    Sunset

    aus: 25 Schottische Lieder op. 108 (Bearbeitung für Singstimme und Orchester von Franck Krawczyk)


    Felix Mendelssohn-Bartholdy:

    Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 "Schottische"


    Das war zunächst einmal ein schöner Gedanke der Zusammenstellung und es gab, um Mendelssohn zu zitieren, eine Menge "Whisky, Nebel und schlechtes Wetter" on period instruments zu hören. Und das gelang dem Orchester durchweg knackig, auch mal wuchtig und vital, weshalb Gades "Efterklange" und Mendelssohns "Hebriden" und "Schottische" klar die Highlights waren. Nicht nur das Klangerzeugnis sprühte dabei den Funken über, sondern die Musizierfreude wurde auch augenfällig: ich habe länger nicht so viele lächelnde Blickkontakte bei einer Aufführung gesehen und es war mir ein Vergnügen beispielsweise den Austausch zwischen Cellist Damien Ventula und Konzertmeisterin Stéphanie Paulet oder unter den Kontrabässen zu verfolgen. Sehr sympathisch.


    Für mich deutlich weniger gelungen waren die Lieder und das lag wohl nur an Russell Braun, dessen Stimme mir zu schrill war, es fehlte mir ein sattes Futter in den Tiefen, so lag sein Gesang oberflächlich auf dem Gesamtklang des Orchesters und vor allem: er zerträllerte jede Silbe mit einem vollen Vibrato, dass mir manche Töne kaum noch klar positioniert vorkamen. Am besten passte das noch zu hochprozentigen Saufstellen wie "When friends at night have found me, / There is paradise around me / But let me have one bottle more!", aber ich hätte doch gerne darauf verzichten können. Zugeben muss ich allerdings, dass ich in Reihe fünf relativ weit vorne saß, die Streicher (Bässe links, Violinen links und rechts, Violen und Celli mittig) hervorragenden Klanggenuss boten, die Blechbläser (Hörner halblinks, sonstige rechts) sich akustisch gut hineinfanden, aber die Holzbläser schon etwas indirekter aus der Mitte kamen - und eben der Solist dann recht präsent vor allem stand. Möglich, dass der Klang zwei oder vier Reihen hinter mir bereits homogener wirkte. Das wären dann auch die Plätze, die ich üblicherweise in der Kölner Philharmonie bevorzuge, so sie noch zu haben sind.


    Alles in allem ein feines und deftiges Konzert und auf jeden Fall ein Orchester, das ich nun auf dem Schirm behalten werde.


    *sante*

    Das sagst Du aus Deiner Tarantino-geschulten Sichtweise. Damit meine ich: nicht die Stilmittel nutzen sich ab, sondern deine Erfahrung mit ihnen. Was die Zukunft angeht - und da passt nichtmal die Redeweise von "was bleiben wird" -, wird die Frage aber von all denen zu beantworten sein, die in ihrer kommenden Zeit das erste, zweite, elfte Mal einen Tarantino-Streifen sehen und wenn dann wie immer zwischen Kunstwerk und Rezipient etwas Neues entsteht. Mein Gefühl sagt mir (konkreter als Orakelei kann das deshalb gar nicht werden), dass Tarantinos Filme durchaus eine Menge auch jenseits von Dialogen und Gewalt haben, das sie für künftige Neuentdeckungen potent macht.


    Darüber hinaus ist "jetzt gefeiert" bereits problematisch, denn genau die beiden Punkte, die Du oben anführst, sind schon seit vielen Jahren Kern der Kritik an Tarantino bei denjenigen, die seine Filme nicht mögen: beide würden also keineswegs etwas Neues sein, das "irgendwann auffliegt".


    Ich denke vielmehr, mit seiner intertextuellen Verankerung mitten in der bisherigen Filmgeschichte, und zwar internationalen Filmgeschichte, wird er auch die kommenden hundert Jahre nicht wegzudenken sein und relevant bleiben und sich nicht abnutzen.


    *sante*

    Immerhin hat er es bisher geschafft, sehr eigene Filme zu kreieren, die sich deutlich vom Hollywood-Mainstream abheben.

    Sehe ich auch so: nur Tarantino macht Tarantino-Filme und das erstklassig.


    Yoricks übrigbleibende Stilmittel sind mir außerdem zu kurz gegriffen, alleine schon der Einsatz von Musik (meist nicht original komponierte - ich erinnere nur mal an seine wunderbare Montage mit Jerry Goldsmiths "Nicaragua" aus "Under Fire": wenn das mal nicht in Tarantinos Händen verblüffenderweise exzellente Western-Musik wurde), die Konstruktion seiner Drehbücher (ich hatte damals "Inglourious Basterds" gelesen, dachte: oh wow, das wird ein klasse Film und wurde nicht enttäuscht) und den Schnitt (in seinem Team meist von der leider viel zu früh gestorbenen Sally Menke und seit 2012 von Fred Raskin. Tarantino macht weit mehr richtig als lange Dialoge und ästhetisierte Gewalt.


    *sante*

    Bei mir die 5. ebenfalls, zweimal, dann einmal aus Harnoncourts GA, dann nochmal Hogwood: gefällt mir sehr, allein schon der geradezu gespenstische Übergang zum Finale.

    Als Gedankenexperiment funktioniert dieser angenehm unaufgeregte Film meines Erachtens sehr gut.

    Meines auch. Ich halte dieses Kammerspiel für intelligent in Bezug auf die Probleme der Argumentationen - man könnte ihm gut mit Wittgenstein begegnen: woran lässt sich sinnvoll zweifeln? Das hat mir Spaß gemacht. Lediglich die Musik störte mich, wo sie auftaucht: erstens ist sie schlecht, zweitens unnötig. Übrigens hatte ich die Empfehlung von einem Biologen.