Beiträge von pm.diebelshausen

    Ich wüsste auch nicht, dass die "meist" vergessen werden. All das Ahoj und die Berliner Synchroschnauzen teilt meine Kindheit auf drei Programmen mit derjenigen meiner Generationsgenossinnen und Genossen. Krteček (der sich mir freilich erst nach viel späterem Pragbesuch so benamt zu erkennen gab) war mein Liebling in der "Sendung mit der Maus" und gar nicht so wenige Kinder im Westen hatten Verwandtschaft im Osten, was zu einer Menge entsprechender Kinderbücher, verpackt in dünn-pastelligem Geschenkpapier, zu Geburtstag und Weihnachten führte. Der Baumkuchen war besser als nach der sog. Wende und jedes Jahr stelle ich eine Auswahl der familienerbähnlich gewordenen Holzmännl und Schwippbögen auf, echt 60er, 70er und 80er, weil es Teil meines Lebens ist. Vielleicht sind wir auch einfach das falsche Milieu, um hier meist Vergessenheit vorauszusetzen.


    *sante*

    Vor allem schätze ich meinen Mitschnitt des Concerto Köln aus Bonn-Endenich (St. Maria-Magdalena-Kirche unweit des Sterbehauses Schumanns und Blees' Geburtshaus):


    Olga Pasichnyk, Marianne Beate Kielland, Markus Schäfer, Klaus Mertens, NDR Chor, Concerto Köln, Pierre Cao.

    Verständlich. Aus irgendeinem Grund wollte ich gleich hören, tat dies gestern. Die kleinsten Klangmalheurchen außer Acht gelassen klingt das wuchtig fulminant und ich mag auch das gelegentliche leise Mitbrummeln bei manchem Einsatz.


    Vor allem war mir Gossec absolut völlig rundum unbekannt, dabei höre selbst ich, dass er gefälligst zwischen Bach und Beethoven zu den Großartigsten gehört. Mein Gott, 26 war er. Das Requiem ist in jeder Hinsicht voluminös, ist dramatisch von der Erdentiefe bis zum Lichterglanz und hat mich immer wieder mit Reichtum an Ideen, Wendungen, Motiven, Passagen überrascht, die so sitzen, dass sie bei mir dasjenige Gefühl hervorrufen, das mir stets bei für mich wirklich guter Musik kommt: sie klingt als könne sie nicht anders sein und als habe es sie schon immer gegeben. Das ist weder sperrig noch gefällig, das ist grandios. Vieles seinerzeit in der Kunst Grandiose wurde später vergessen und manches davon altert schlecht, da kann ich nachvollziehen, dass es sozusagen innerhalb der Kunst aus dem Nest gedrängt wurde. Hier kann ich es nicht und das liegt wohl auch daran, dass andere, gesellschaftspolitische Gründe außerhalb der Kunst relevant waren, die Gossecs Werk beiseite stellten (soweit ich seine Biografie nun nachvollzogen habe). Für mich also eine echte Entdeckung, für die ich herzlich danke!


    *sante*

    Habe in den vergangenen Tagen erstmals "Vier Schwestern", seinen letzten, gesehen. Wie immer gebannt. Was ich noch nicht wusste: das Rohmaterial der Arbeiten an "Shoah" besitzt seit 1996 das United States Holocaust Memorial Museum und inzwischen sind auf dessen Website 185 Stunden an Lanzmanns Interviews und 35 Stunden seiner Aufnahmen an historischen Orten öffentlich zugänglich. Was für ein Schatz, an dem Ihr Euch auch gütlich tun könnt:


    https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1000017


    *sante*

    Nur ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, aber exakt passend aus Barenboims "Klang ist Leben" (S. 91):


    Das ist in der Tat bedauerlich, da Musik keine Diskriminierung aufgrund von Rassen- oder Religionszugehörigkeit, Geschlecht oder nationaler Herkunft kennt. Vor einer Beethoven-Symphonie sind alle Menschen gleich, und sie können von ihr lernen oder von ihr inspiriert werden, je nach ihrer Begabung oder Bereitschaft, dies zu tun.


    Daraus leite ich ab: wer Beethoven und seine Musik aus den in den verlinkten Artikeln beschriebenen Gründen (her-)absetzt, hat diese Musik bereits ignoriert und nicht bloß missverstanden.



    *sante*


    Da geht es mir ähnlich, aber nicht ganz. Der Vormittag und die Mittagszeit ist wenn, dann meiner Vorstellung einer Matinee vorbehalten: keine große Herausforderung bitte, aber ohne Verzicht auf Qualität. Vielleicht hat das mit der Kindheitserfahrung des sonntäglichen Vormittagsprogramms im Fernsehen zu tun, jedenfalls denke ich bei Matinee zuerst in Richtung tschechischer Märchenfilme.


    Und dann: am Nachmittag geht prinzipiell alles inlusive konzentriertem Hören, aber da ich abgesehen von beruflicher Erschöpfung abends und nachts am wachesten bin, gehört da auch die fokussierte Zielsetzung beim Hören hin, wie auch beim Lesen, Schauen, Trinken und Machen. Könnte sein, dass dem so wegen der leichter fallenden Gelassenheit ist. Wenn ich das Tagewerk um mich herum als beendet und die Stadt um mich herum als genießend, ihren privaten Dingen fröhnend oder auch einfach schlafend denken kann, fällt es mir leichter, selber vom alltäglichen Gebraus zu lassen, möglicherweise. Oder anders: tagsüber Gebräu, ab abends distinguierter, gerne auch irritierender. Allein die Dunkelheit reduziert schon Reize und die Tageszeit anscheinend auch, derzeit ist um 19:35 Uhr Sonnenuntergang.


    Da ist so eine Konzertnacht von 20:00 bis 1:00 Uhr herrlich und perfekt für mich, aber auch ein Konzerttag wie dieser von 11:00 bis 22:00 Uhr war völlig reizvoll im Tagesverlauf, der Bewegung durch Ortswechsel und die sich entwickelnden Stimmungen und eigenen Befindlichkeiten und Perspektiven zu unterschiedlichen Tageszeiten.


    Bloß schwer zu erkennen, was an den eigenen Vorlieben nun persönlichkeitsgebunden und was aus gesellschaftlicher Zeitstruktur geboren ist. Bzw.: blöder Satz, da beides wechselwirkend ein und dasselbe ist.


    *sante*

    Seit März bin ich vermehrt auf der Spur dessen, was ich denn selber musikalisch mache. Wenn Ihr Euch traut, könnt Ihr auf YouTube mal bei Sansensemble und Richard Clayderhaken reinschauen. Eine Weile hatte ich es ja mit klassischer Gitarre versucht, denn Saiten sind noch am ehesten das, was mir liegt. Aber nach getaner Arbeit hatte ich leider kaum Raum für den wenn auch sehr entspannten und sympathischen Unterricht. Wie auch immer, jetzt sind auch die elektrischen Gitarren nach über zehn Jahren wieder ins Zimmer gelangt und haben Familienzuwachs bekommen. Ich schaue also wieder mehr auf das, was ich halt kann. Mal einfach ein akustisches Instrument nehmen, mal mit Elektronik und Overdubs an zahlreichen Sounds schrauben.


    Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist eine überaus erfreuliche Wiederbegegnung, die mir tatsächlich die Woche versüßt hat. Mir fiel wegen Unstimmigkeiten mit einem erworbenen Fender-ähnlichen Pseudobaus eine Bekanntschaft ein, der ich seit wohl 25 Jahren nicht mehr begegnet war. Milenko Katanic ist der Vater eines Schulfreundes, baute in seiner Jugend seine erste Gitarre und gründete im Rentenalter seine eigene Werkstatt und Firma. Seit 9 Jahren gibt es Electric Guitar Design und er entwirft seine ganz eigenen cleveren Modelle mit hohem Anspruch bis ins Detail, fräst seine Hölzer, wickelt seine Tonabnehmer. Natürlich konnte er mit bester Laune mein Problem lösen, aber vor allem hatte ich am Mittwoch Gelegenheit, stundenlang etliche seiner Prototypen und aus seinem stock anzuspielen und kann mit leuchtenden Augen sagen, dass sie klasse sind. Ich war skeptisch ob der kleinen Korpusse, ihrer gewitzten Shapes und der Balance, aber nein: sie liegen flott angenehm in Hand und Schoß (wo meine Gitarren hingehören). Und die Verarbeitung bringt umgehend Geschmeidigkeit, die Bünde sind spiegelglatt, alles von der Saitenlage über den knackigen Sound bis zur Variabilität der Schaltungen macht einfach Spaß, gerade richtig auch für einen Unvirtuosen wie mich.


    War ja klar, dass ich gestern nicht nur mit meiner, sondern auch mit einer seiner Standards wieder ging. Darüber hinaus baut er mir ein Unikat aufgrund der Gitarre, die mir auf Anhieb rundum bestens gefiel. Herrlich.



    *sante*

    ... und mich hat heute 'ne Wespe beim Aufsammeln von Äpfeln in den rechten Ringfinger gestochen - das untere Gelenk ist trotz Kühlung heftigst angeschwollen; Bekundungen der Anteilnahme nehme ich gern entgegen.


    :(

    Nix da. Bei mir am Dienstag ins Ohrläppchen, dann vorgestern in den - ja, tatsächlich - rechten Ringfinger. Ich sah aus wie Alfons Silbermann, der sich eine Hellboyfaust wachsen lässt. Langsam geht's wieder. Jedenfalls nee, Max, wir sind quitt.


    Beidesmal war der Anlass übrigens die Attacke auf Dritte - ich also selbstlos (aber nur im zweiten Fall freiwillig) in the line of fire.


    *sante*

    Da habe ich meist gut Portionierbares, seit längerem eigentlich nur die Zeitschrift "Zenith" und immer wieder Wanderführer, in denen ich kreuz und quer blättere, um auf dem stillen Örtchen auf andere Örtchen zu kommen. Aber ich hatte da auch eine Weile Matthesons Capelleister, wegen der überschaubaren Paragraphen.


    *sante*

    Badewanne bei Euch allen nicht? (Saunagang fällt hier ja wohl definitv aus, Yorick.) Früher, in meiner späten Schul- und frühen Studienzeit, las ich bis zur Verschrumpelung in der Badewanne. Jetzt habe ich leider nur eine Dusche.


    Ich muss sagen, dass mir die Gelegenheit am Stehpult sehr gut gefallen hat, kannte ich noch nicht. Das ist ein ganz anderes Aufmerksamkeitsgefühl, mit einem gewissen Aufwand (der Körperhaltung) und einer gewissen Entlastung zugleich. Selbst Unbequemlichkeit kann der Aufmerksamkeit förderlich sein, siehe die frühesten Universitätsbestuhlungen in Hörsälen. Letztlich verfechte ich aber, dass die legitimen Rechte des Lesers unbedingt sehr weit gehen, womöglich erst bei Zerstörung enden. Alles weit besser, als nicht zu lesen. In diesem Sinne:


    *sante*