Beiträge von pm.diebelshausen


    Basierend auf Tonaufnahmen, die Marlon Brando privat gemacht hat, und teilweise angereichert durch andere Interviewquellen mit ihm, stellt diese Doku ein erstaiunlich fokussiertes Porträt dar. Mehr als sonst taucht der Zuschauer in eine Gedankenwelt der Selbstreflexion ein, die weit über die öffentliche Oberfläche hinausgeht bzw. Teile dieser in den sonst fehlenden Kontext größerer menschlicher Tiefe bringt. Beispiel: Begegnung mit seinem Vater in einem Interview, das, verbunden mit seinen privaten "Confessiones", sich noch einmal anders darstellt als es dem damaligen Zuschauer der Sendung sichtbar werden konnte - man lese/höre tunlichst zwischen den Zeilen und nehme auch die kleinste Mimik eines Darstellers mit, der das Schauspielen als nichts Besonderes sondern jedem Menschen Angeborenes verstand: "acting is survival". Kein Off-Kommentar, keine Beweihräucherungen anderer Filmschaffender oder -wissender (was üblicherweise bloß darauf hinausliefe, dass Brando wohl der großartigste Schauspieler des 20. Jahrhunderts war; nicht falsch aber auch nicht wirklich erhellend) - manchmal wirken die Worte Brandos zusammen mit der dokumentarisch bis beinahe meditativ gestalteten Bebilderung wie ein Film von Terrence Malick. Was ihn interessiert, was ihn ankotzt, warum sein Weg sich so entwickelt hat, wie er es tat: Brando war zum Glück per se direkt und schonungslos, so dass man hier keinem peinlichen Voyeurismus zu verfallen droht. Das kann bei weitem nicht nur für Cineasten sehens- und hörenswert sein. Und was für ein Unterfangen, längst bestehendes Material in solch stimmig erzählerische Ordnung zu bringen!


    *sante*

    Da kann ich immer wieder nur Matthesons "Der vollkommene Capellmeister" zitieren (Erster Theil, Sechtes Haupt-Stück. Von der Geberden-Kunst, § 16):


    "Kan wol ein aufmercksamer Zuhörer zum Vergnügen beweget werden, wenn man ihm beständig einen Lerm mit dem Tactschlagen, es sey der Füsse oder der Arme, erreget? Wenn er ein Dutzend Geiger vor sich siehet, die keine andre Verdrehungen des Leibes machen, als ob sie böse Kranckheiten hätten? Wenn der Clavierspieler das Maul krümmet, die Stirne auf und nieder ziehet, und sein Antlitz dermassen verstellet daß man die Kinder damit erschrecken mögte? Wenn viele bey den Wind-Instrumenten ihre Gesichts-Züge so zerreissen oder aufblehen (wobey die Lippen zur Qveer-Flöte nicht auszuschliessen sind) daß sie solche in einer halben Stunde hernach mit Mühe wieder in die rechten Falten und zur natürlichen Farbe bringen können?"

    *sante*

    @Josquin: ich denke auch - zu weit gefasst, macht der Begriff zu wenig (oder eben zu viel) Sinn, als Genre schon gar nicht. Ist für mich mehr ein deskriptiver Hinweis auf die narrative Strategie. Wenn jemand darüber auf Rashomon kommt, weil er The Sixth Sense möchte, gefällt mir das erstmal, wenn er sich auch wundern wird. Und natürlich ist das Beschriebene nicht neu (ich muss da immer an die Aaaaah-so-Wirkung von Roald Dahls Stories denken), aber es gab eben auch einen Aufschwung solcherlei Realitäts-Unterminationen besonders seit den 90ern, der die letztlich zutiefst philosophische Frage nach Wahrnehmung und Realität ins Unterhaltungskino und die Blockbuster hiefte. Das finde ich schon sehr interessant, zunehmend auch vor dem Hintergrund heutiger Desinformation in modernen Medien. Ob "mindfuck" nun philosophisch, psychologisch, verschwörungstheoretisch oder SF-mäßig eingebunden ist: das quasi uralte Wissen "Ich weiß, dass ich nichts weiß" hat damit eine weitaus breitere Rezeption erhalten als die Philosophie selbst jemals, wenn auch der Begriff selber sicherlich noch einiger Klärung bedarf.


    Den Punkt der Erwartungshaltung, den Du ansprichst, finde ich ebenfalls problematisch: wenn man einen mindfuck, twist, Bruch von vornherein erwartet, ist sein stärkster Motor womöglich von vornherein weg. Mein persönlich schönstes mindfuck-Erlebnis war deshalb vielleicht Cloverfield, weil ein Freund ihn mir zeigte ("guck mal, musst Du sehen") , ich null Ahnung hatte, diese uninteressant Abschiedsparty sah und nicht wusste, in welches Genre der Film bald schwenken würde. Ein mindfuck-Film wird er dadurch wohl nicht, aber ich hatte einen wunderbaren durch völlig fehlende Erwartungen.


    *sante*

    Und ich dachte, es sagt mir was, habe aber gelernt, dass der Begriff enger gefasst ist und eben Filme bezeichnet, deren entworfene Realität (meist durch einen plot twist) aus den Angeln gehoben wird. The Game, Fight Club, Die üblichen Verdächtigen, Shutter Island, The Sixth Sense, The Machinist usw. sind gute Beispiele.

    "Mother!" von Darren Aronofsky

    "Enter the Void" von Gaspar Noé
    "Izo" von Takashi Miike

    "Antichrist" von Lars von Trier

    "Inland Empire" von David Lynch (oder irgendein anderer Lynch außer "The Straight Story", "Elephant Man" und "Dune" - aber der hier ist in meinen Augen der kompromisslos lynchigste)

    Heute vor 200 Jahren wurde Jacques Offenbach in Köln geboren - viel los hier - "Yes, we can can" - auch beim WDR. Neben kleineren Beiträgen (wie 15 Minuten Zeitzeichen auf WDR 5 um 17:45 Uhr) gibt es heute Abend um 20:05 Uhr zwei Stunden "WDR 3 Geburtstagskonzert - Ô Nuit d’Amour":


    Dominique Horwitz und Berthold Warnecke spüren in ihrer Revue "Ô Nuit d‘Amour" dem Genie und Menschen Jakob, genannt Jacques, Offenbach nach. Aus der Spottvogelperspektive (Siegfried Kracauer) des Dichters Hoffmann und seiner Muse Nicklausse – die Protagonisten aus „Hoffmanns Erzählungen“ – streifen Horwitz und Warnecke Stationen der Biographie und jüdischen Identität des zum Katholiken konvertierten Offenbach, blicken auf die Verhältnisse im Staate Napoléons III. und hinter die Produktionsmechanismen des Musiktheaters seiner Zeit und beleuchten zentrale Momente von Offenbachs Wirken als einer der einflussreichsten Komponistenpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts - auch wenn ihm Richard Wagner seine "Symphonie der Zukunft" nicht verzeihen konnte…


    Dominique Horwitz

    Zoltan Lantos - Violine

    Peter Engelhardt - Gitarre

    Kai Weiner - Klavier

    Johannes Huth – Kontrabass und musikalische Leitung

    Volker Reichling - Schlagzeug

    Dramaturgie: Berthold Warneck


    *sante*

    Bei mir wieder mal nicht Ärger, sondern das Gegenteil: der Mops hatte mir Danzis "Der Berggeist" (Frieder Bernius) ohne Booklet zugeschickt. Dafür gibt es aber beim Carus-Verlag sehr freundliche Damen, denen, wie sie mir schrieben, ein pragmatischer Kundenservice Spaß macht. Heute hatte ich das Booklet im Briefkasten - gerade bei einem eher selten begegnenden Stück Musik möchte ich auf die beigegebenen Texte ungern verzichten. Ein herzliches "Klasse!" also an Carus!


    *sante*

    Dubois machte daraus eine Oper und stellte ihr die "Ouverture de Frithiof" voran. Die Oper erschien angeblich 1892 (Edit: beides stimmt so nicht - vgl. den unten folgenden Beitrag), jedoch gibt das Online-Verzeichnis der Association Théodore Dubois (catalogue complet des oeuvres) keine Oper, sondern lediglich die Ouvertüre mit der Jahreszahl 1894 an - die Quellenlage bezüglich Dubois ist noch reichlich rudimentär und teils widersprüchlich (ich gebe mein Bestes)

    Das muss korrigiert werden, denn auf Nachfrage bei der Association Théodore Dubois bekam ich Antwort von Dubois' Urgroßenkel: eine Oper "Frithiof" von Théodore Dubois gab es nicht, es existiert ausschließlich diese Ouvertüre, zu der er leider keine Jahresangaben bezüglich Aufführung oder Druck machen kann. Quellen, die eine Oper diesen Titels angeben, liegen demnach falsch.


    *sante*

    felix_a1-plk_quer_01web.jpg__860x540_q85_autocrop_crop-smart_cropper-festival_detail-_subsampling-2.jpg


    Die Kölner Philharmonie (bzw. KölnMusik GmbH) veranstaltet ab der Spielzeit 2019/20 ein neues Festival historischer Aufführungspraxis mit dem Titel "Fel!x". Das Programm vom 29. August bis 1. September 2019 widmet sich dezidiert dem Originalklang und damit einer ganzen Bandbreite von inzwischen mit dem opi/hip-Ansatz erschlossenen Epochen und Musikgebieten. Mit Englischer Renaissance, Persischer Mystik, Deutschem und Spanischem Barock sowie Legrenzis "La divisione del mondo" und Händels "Il trionfo del Tempo e del Disinganno", Japanischem Nô-Theater, Elektronischem Crossover und Improvisation oder der Begegnung Javanesischer Gamelan- mit Italienischer Barockmusik ist das Feld der Konzerte in den verschiedenen Spielstätten weit gesteckt - und (nur beispielsweise mit dem Freiburger Barockorchester, der lautten compagney und Concerto Köln) namhaft besetzt.


    https://www.koelner-philharmonie.de/de/festivals/felix/2


    *sante*


    Heinrich Schütz: Psalmen & Friedensmusiken (Gesamteinspielung Vol. 20)


    Gerlinde Sämann, Isabel Schicketanz, Maria Stosiek, Dorothee Mields, David Erler, Stefan Kunath, Georg Poplutz, Tobias Mäthger, Felix Schwandtke, Martin Schicketanz


    Dresdner Kammerchor

    Hans-Christoph Rademann


    Mit Vol. 20 erscheint morgen der Abschluss der Schütz-Gesamteinspielung - am Wochenende gehört und wie das gesamte Projekt als uneingeschränkt empfehlenswert befunden. Die dritte Box (Vol. 15-20) ist für August/Herbst angekündigt. Eine lobenswerte Unternehmung hat damit nach rund 12 Jahren ihr Ziel erreicht und harrt nun als Ganzes dem geneigten Ohr.


    *sante*