Beiträge von pm.diebelshausen

    Eine recht kuriose Variante der Orgel ist das Pyrophon: ein 1875 von Georges Frédéric Eugène Kastner erfundenes Tasteninstrument, dessen Töne mit Gaslicht erzeugt werden, wobei die Tasten die Teilung der in Glasröhren befindlichen Gasflammen steuern. Besonders interessant an diesem weitestgehend vergessenen Instrument ist seine künstlerische Realisation des romantischen Gedankens der tönenden, klingenden Natur: "schläft ein Lied in allen Dingen". Dazu schrieb Henry Dunant, der den Klang der Flammenorgel mit dem der menschlichen Stimme und der Aeolsharfe verglich:


    "Hiermit ist die bescheidene harmonica chimique, das lumen philosophicum der Naturforscher, im Pyrophon zum Musikinstrument herangereift; dieses erfreuliche Ergebnis stützt die Überlegung, daß die Untersuchung der Natur des Klanges den Menschen, wenn schon nicht wirklich zur Erfindung der Musik, so doch wenigstens dahin führen wird, diese Kunst mit Mitteln auszustatten, die ihre Macht stärken."

    (Henry Dunant: Description of M. Kastner's new musical instrument, the Pyrophone, in: Journal of the Society of Art [London] 23 (1875), S. 293, zitiert nach http://www.straebel.de/praxis/…praxis/text/t-flammen.htm)


    Ich stolperte über diese Flammenorgel aus dem Jahr 1876 im Musée Historique in Straßburg - glücklicherweise ohne weitere Verletzungen, da sie nicht mehr mit Wasserstoff befüllt war. Ein kurzes Klangbeispiel ist dort zu hören. Vielleicht kennt jemand hier im Forum Aufnahmen mit zeitgenössischen Kompositionen?


    Flammenorgel/Pyrophon, Musée Historique, Straßburg Flammenorgel/Pyrophon, Musée Historique, Straßburg

    Im letzten Moment vor der Abreise holte ich "Tschaikowskys Tod" doch wieder aus dem Rucksack, weil ich dachte, das passt dann doch schlecht zu Sommer, Sonne, Urlaub, und ergriff stattdessen Tabucchis "Erklärt Pereira" - richtige Entscheidung. So leicht wird selten vom Ernsten geschrieben, die Redundanzen und die Einfachheit erzeugen einen wunderbaren Rhythmus und eine unterschwellige Spannung, trotz des historischen Settings 1938 atmet das Buch europäische Gegenwartsluft im Zwiespalt großer gesellschaftlicher und "kleiner" individualbiographischer Geschichte, da ist eine sommerlich-nostalgische Melancholie und eine sanfte, zunehmende Unruhe hinsichtlich eigener Verantwortung - die Frage nach Passivität oder Einmischung, luftig und bedeckt zugleich.



    Das Ensemble Stimmwerck hat heute seine Auflösung bekanntgegeben. Ich zitiere den Beitrag von ihrer Facebookseite:


    Gern geschehen.


    Übrigens gerade gesehen, dass die Übertragung des Abends (3 Std 55 Min, 256 kBit/s) inklusive erläuternder Sprachbeiträge während der Umbauphasen noch 24 Tage im WDR Konzertplayer nachzuhören ist, viel Spaß dabei:


    http://konzertplayer.wdr3.de/k…t/wdr-3-konzert-08062018/


    Edit: allerdings kam die Übertragung ohne Stimmwerck aus, da die Sendezeit bis Mitternacht eingeplant war. Das Programm von Stimmwerck wird laut Ansage noch nachgereicht.

    Nein, Dufay, von Angst will ich da gar nicht sprechen: Unsicherheit und Gefahr ist da für mich etwas Wahres, Gutes, Schönes.


    Und, Yorick, so apollinisch-vernünftig ist das bei mir auch nicht. Das erscheint nur so in der analytischen Rückschau, um die mich Deine Threadüberschrift gebeten hat. Im Tatsächlichen Vollzug ist das reichlich lust-und-laune-gesteuert. Ich mache da nie eine bewusste Rechnung auf, die womöglich auch noch die Kosten hoch ansetzt, sondern lebe und erlebe Musik nach Gefühl. Dennoch interessant, dann mal einen vernunftbetonten, versprachlichenden Blick zu öffnen und dabei den ein oder anderen roten Faden zu erkennen, den man doch gar nicht so beabsichtigt hat.

    (Fortsetzung des Konzertberichts, da insgesamt mehr als 10.000 Zeichen)


    Schon dies wäre ein Höhepunkt gewesen, aber die Münchner Hochzeitsfeier mit Roland Wilson war bald wieder und wortwörtlich in vollem Gange, zweiter Teil: es gab nun aufgeteilt in 1. bis 7. Gang Bankettmusik von Padovano, di Lasso, Alessandro Striggio, Cipriano de Rore und Andrea Gabrieli, vor allem mit wunderbarem Schwerpunkt auf Bläserbesetzungen. Das sicherlich beeindruckendste Stück war damals wie heute die nach dem 7. Gang im Programmheft zum Abschluss als "Obst" firmierende Motette "Ecce beatam Lucem" a 40 (Coro 1: SATB, 4 tromboni; Coro 2: 8 flauti; Coro 3: SATB, 4 tromboni; Coro 4: SATB, 4 viole; Coro 5: SATB, 4 viole) von Striggio. Eine in den Zusammensetzungen und Klangfarben wechselnde, wabernd wogende Fläche, die kraftvoll in die Kirche floss und abermals nach Verklingen etliche Zuschauer zum Stehen brachte. Wilson reagierte darauf angemessen und sinngemäß mit den Worten (übrigens - leider - die einzigen, die an diesem Abend überhaupt gesprochen wurden, das gesungene Wort sollte völlige Aufmerksamkeit bekommen): "Dies ist das einzige Stück, das Lasso bei den Hochzeitsfeierlichkeiten zweimal hat aufführen lassen, und zwar direkt hintereinander. Und deshalb machen wir das jetzt auch so". Die zweite Version klang für mich nicht ganz so gewaltig und exakt wie die erste, vielleicht ja auch ein Zeichen aufkommender Müdigkeit, nachdem sich das Orchester nach all dem Werk hatte im Applaus ein wenig entspannen können: es dürfte inziwschen auf Mitternacht gegangen sein.


    Nun aber stand zum Abschluss und ganz gewiss last but not least ein stillerer und nichtsdestotrotz besonderer Klanggenuss im Nachtprogramm. Das Münchner Sängerquartett Ensemble Stimmwerck, dessen Kontratenor Franz Vitzthum, ehemals Spatz am Regensburger Dom, ich in seiner scheinbar mühelosen Unangestrengtheit immer wieder ausgesprochen gerne höre, hatte Stücke aus dem Inventar der Salvatorkapelle in St. Maria im Kapitol des Jahres 1615 zusammengestellt. Mit Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei als Hauptstruktur drei Messvertonungen von Christóbal de Morales folgend und Kompositionen von Jean Mouton, Andreas Pevernage und Orlando di Lasso einschiebend, ließ das Ensemble also Klänge hören, die hier in dieser Kirche und auch aufgrund der spannenden Geschichte dieser einen, um 1466 von Johann Hardenrath gestifteten Kapelle, heimisch sind (auch hier noch einmal der Hinweis auf ein sehr gutes, informatives Programmheft, das umfassend und fundiert Hintergründe zu den aufgeführten Musiken beibrachte!). Was für ein Glücksgriff, der vor kurzem im Kölner Diözesanarchiv eine Inventarliste mit den in dieser Kapelle im Jahre 1615 vorhandenen Notendrucken zu Tage förderte. So erklang als ganz stimmiger Abschluss des langen Abends, was genau hier bereits vor vierhundert Jahren erklungen war. Und das von einem Ensemble, das auch an diesem Abend und trotz später Stunde und trotz Verzögerungen mit großer Präzision und Gefasstheit diese Musik intonierte.


    Der romanische Sommer in Köln fand in diesem Abend einen faszinierend vielschichtigen, den Ort in mehreren Facetten berücksichtigenden Abschluss und wer daran teilnahm, erlebte und erhörte in vielerlei Hinsicht eine ganz außerordentliche Konzertnacht. Ich hatte leider nur noch Zeit auf ein Kölsch, um dann beseelt auf mein Fahrrad zu gelangen, ganz profan danach nach Hause.

    Ich versuche mich mal an einem Konzertbericht (und zwar wegen des Umfangs in zwei Teilpostings), da ich am 08. Juni eine beeindruckende, auch lange Nacht mit alter und neuer Musik verbracht habe. Es handelte sich um das ABSCHLUSSKONZERT DES FESTIVALS ROMANISCHER SOMMER KÖLN: ROMANISCHE NACHT DER STIMMEN AB 20 UHR IN ST. MARIA IM KAPITOL.

    Ob es tatsächlich um 20:00 Uhr begann, kann ich nicht sagen, da ich irgendwann aufgehört habe, auf die Uhr zu schauen. Ich tat dies erst, als ich die Kirche wieder verließ - das war um 1:00 Uhr des folgenden Samstags. Für die 30,- € Eintritt bekam man also nicht nur die vier angekündigten Ensembles, sondern diese auch in stundenlangem Umfang in einem behaglich erhabenen Raum. Das Erleben von Zeit verschob sich und die Musik schaffte eine ihrer schönsten Eigenschaften: woanders zu sein.


    Nachdem sich der Einlass um gut eine Dreiviertelstunde verzögert und ich die Kirche betreten hatte, ging es erstmal um Orientierung: der Ort des Geschehens würde die Vierung und der Chor mit der Ostkonche sein. Also erstmal durch das Langhaus und durch das Seitenschiff zur Dreikonchenanlage. Nach Westen, unter dem Lettner, war eine kleine Bühne aufgebaut, ihr gegenüber, in Chor und dem Halbrund der Ostkonche eine größere. Dazwischen, in der Vierung und der Nord- bzw. Südkonche standen sich Stuhlreihen gegenüber, mit vier oder fünf Metern Abstand der vordersten Reihen zueinander. So saß sich das Publikum also gegenüber mit jeweils einer Bühne zur Rechten wie zur Linken. Für Zuschauer nicht gerade die beste Position - für Zuhörer allerdings, und darum ging es erklärtermaßen, die stimmige Aufforderung, sich, die Musik und den Raum wahrzunehmen. Letzterer war farbig aber dezent ausgeleuchtet, wodurch die zwar rekonstruierte, aber gleichwohl bezaubernd frühromanische Architektur beruhigt lebendig wirkte, was den Blick besonders beim späteren Klanggenuss zum Schweifen anregte. Intim wirkte das, obwohl das Konzert gut besucht war, nicht jeder bekam noch einen Sitzplatz.


    Nun also die Musik. Den Auftakt gab das Ensemble Eurasians 5, eine Kleinbesetzung aus dem größeren Eurasians Unity. Deren Musik ist ein Amalgam arabisch-osteuropäischer Folklore mit westlichem Jazz. Ablesbar bereits an der Besetzung mit Feruza Ochilova (Gesang, Doira, Dutar) aus Usbekistan, Negar Booban (Oud) aus Iran, Veronika Todorova (Akkordeon) aus Bulgarien, Alex Morsey (Kontrabass, Gesang, Sousaphon) und Caroline Thon (Saxophon), beide aus Deutschland. Das Programm bestand aus Folksliedarrangements bis Eigenkompositionen, wobei die Instrumente in mal traditioneller, mal modernerer Spielweise ein ganz eigenes, stimmiges Klangbild erzeugten. Insgesamt schien mir der Sound zunächst leider etwas zu leise und verschwommen, aber das war wohl hauptsächlich ein anfänglicher Irritationspunkt, als meine Ohren noch nicht an den weiten Kirchenraum hinter der intimen Nähe gewöhnt waren. Ochilovas klassischer Gesang trug wunderbar in die Tiefe und nutzte in manchen Passagen die enorm weit tragende Hintergündigkeit der Basilika-Akustik. Jede der Musikerinnen und auch der Musiker bekam eine Passage im Vordergrund, melodiös-jazzig improvisierend, als besonders virtuos blieb mir davon Veronika Todorovas Akkordeonspiel im Bewusstsein.


    Anschließend wandte sich das Geschehen zur größeren Bühne, wo sich nun das Orchester (in diesem Teil ohne Streicher) Musica Fiata und der Chor La Capella Ducale unter der Leitung von Roland Wilson aufstellten. Das wurde music on period instruments in Reinform und ich saß auch noch nah an den Zinken, deren warmen, brillianten Klang ich so liebe. Gespielt wurde in zwei Teilen (dazwischen trat ein anderes Ensemble auf, s.u.) Musik von den 18-tägigen Hochzeitsfeierlichkeiten in der Münchner Residenz des Jahres 1568. Damals heiratete Erbherzog Wilhelm V. gegen Renata von Lothringen und abgesehen davon, dass rund 5000 Pferde des angereisten Adels zu versorgen waren, hatte der Münchner Hofkapellmeister Orlando di Lasso die Aufgabe mithilfe der Münchner Hofkapelle sowie denen aus Graz und Innsbruck für Gotteslob, Tafelmusik und Tanz zu sorgen. Was für ein Fest! So wurde nun in dieser romanischen Nacht geistliche Musik abwechselnd von di Lasso selbst und von Annibale Padovano (Messe a 24) aufgeführt. Die 24 Stimmen der Messe sind in drei Chöre aufgeteilt, von denen zwei aus Instrumenten und jeweils zwei Sängern und der dritte in reiner Vokalbesetzung bestand. Das ergab einiges an Bewegung zwischen den Stücken, denn auch hier wurde der Raum genutzt, der Klang im Raum verteilt, der eine Musiker oder die andere Musikerin wechselten in diesem Orchester manchmal nicht nur ihren Ort: einige sind Multiinstrumentalisten. Viele wunderbare Instrumente waren da zu hören, von der Bassposaune über ein Regal bis zur Dulzaina - teils recht ungewöhnliche Besetzungen trugen auf der Grundlage genauer Recherchearbeit und Leitung Roland Wilsons (der einen hervorragenden Text für das Programmheft beisteuerte) diese beinahe ein halbes Jahrtausend alte Ausnahme-Musik frisch in den Kirchenraum von St. Maria im Kapitol. Ein wunderbares Erlebnis, das auch nicht von dem obligatorischen Kölner geschmälert werden konnte, der meinte, irgendwann schonmal klatschen zu müssen, während Wilson mit ausgebreiteten Armen, kurz den Klatscher wegwedelnd, die Spannung für das folgende Stück hielt.


    Der Sprung nach dieser Gottesdienstfestlichkeit zum folgenden, wieder kleineren Ensemble war groß: Thierry Pécou leitete sein 6-köpfiges Ensemble Variances, wobei es neben den beiden Altistinnen Katarina Livljanić und Noa Frenkel eigentlich noch ein siebtes Mitglied gab, das entgegen dem Programmheft statt Pécou das Fender Rhodes Piano bediente. Den Auftakt zu der von Pécou selbst stammenden Kantate "Femme changeante, cantate des quatre montagnes" (2015) gab Katarina Livljanić solo dort, wo gerade noch Münchner Festivitäten ertönt hatten, mit "Domine, exaudi orationem meam" aus dem Manuskript 359 der Stiftsbibliothek St. Gallen, sowie einem "Glagolitischen Gesang" aus Poljica, Kroatien, und "Plač Jeremije proroka" (Klagelied Jeremias) - ihr Gesang entfaltete sich über ungefähr eine Viertelstunde im Raum und allein das wäre schon den Besuch der Veranstaltung wert gewesen. Der Sprung ging nun also vom 16. Jahrhundert nocheinmal 500 Jahre zurück, um dann mit Anlauf im Zeitgenössischen zu landen. Das Ensemble hatte sich im Kern (Laurene Durantel, Kontrabass; David Louwerse, Violoncello; Irini Aravidou, Perkussion; sowie beide Altistinnen, nachdem Livljanić während und nach ihrer Darbietung herübergewandert war) auf der kleinen Bühne platziert. Allerdings nutzten die weiteren Ensemblemitglieder (Anne Cartel, Flöte; Carjez Gerretsen, Klarinette; Nicolas Prost, Saxophon) auch andere Standorte auf der großen Bühne und zwischen den Stuhlreihen der Zuschauer, so dass sich hier noch einmal ein sehr bewegtes raumakustisches Erlebnis vollzog. Mit dem Konzept der Komposition, in deren Grund ein Heilungsritual der Navajo-Indianer liegt, konnte ich zwar nichts anfangen, aber der kontinuierliche, rhythmusbetonte, teils dissonant-schrille, teils faszinierend aufblitzende Klangteppich, der hier hochkonzentriert gewoben wurde, nahm mich dennoch gefangen. Ich hätte gerne in die Partitur geschaut. Die beiden Sängerinnen nutzten scheinbar jeden mit Zwerchfell, Lunge, Stimmbändern, Kehlkopf, Mund, Lippen und natürlich Luft fabrizierbaren Laut, die Klänge der Instrumente überschritten gerne die Grenze zum Geräusch und zusammengehalten und damit jenseits von jeder Beliebigkeit gerückt wurde das Ganze durch einen Duktus, mit dem sich selbst auseinanderdriftende Überlagerungen aufeinander bezogen. Das Stück endete in einem Kulminationspunkt, bei dem statt der erwähnten Instrumente nur mehr jede/r eine eigene Trommel schlug, interferierend im Rhythmus und doch am Ende mit gewaltigen, einzelnen Schlägen nocheinmal den Raum auskostend. Viele Besucher hielt es danach nicht auf den Stühlen und nicht die plattgesessenen Backen waren der Grund für die stehenden Ovationen.

    Oh, da kommen so unterschiedliche Aspekte zusammen, aber ich bin eher auch ein Dufay.


    Ich versuche, mich mal aufzudröseln, ohne das Thema des Threads allzu sehr zu verlassen:


    Zunächst einmal besteht der Kern meines Kunst- und Kulturkonsums und eben auch meines Musikhörens in der leidenschaftlichen Suche nach Neuem, Verblüffendem, Bereichernd-Anregendem, Mich-Veränderndem, Hormone-Aufwirbelndem, Entzückendem und Entrückendem. Deshalb gehe ich oft von einem zum andern, wer weiß, was hinter der nächsten Ecke für Möglichkeiten liegen. Das nenne ich mal Sehnsucht.


    Aber das allein ist nichtmal die halbe Wahrheit. Denn der Kick des Neuen entsteht schließlich nicht nur aus dem bislang unbekannten Kunstwerk heraus, sondern hat seinen Hintergrund auch in meiner eigenen Veränderung. Kunst geschieht zwischen Kunstwerk und Rezipient - und insofern auch ich jeden Tag ein wenig anders und neuer bin und auch im Makrokosmos der Biografie zu verschiedenen Lebenszeiten verschiedene Rezeptoren in die Begegnung mit Musik (oder Film oder Literatur oder was auch immer) mitbringe, so kann das verblüffend Neue selbstverständlich auch im vermeintlich Bekannten entdeckt werden. Und allein schon die Begegnung mit einem Kunstwerk verändert mich ja - stattet mich also mit Dingen aus, die beim ersten Mal nicht meinerseits waren. Das ist ein komplexes reziprokes Geflecht, das mal in sehr geringen, vernachlässigbaren Dimensionen, manchmal aber auch sehr deutlich als intensive Erfahrungen stattfindet und weiterkreist - und natürlich auch in allen möglichen Schattierungen dazwischen. Sicherlich kommt es dann auch darauf an, wie vielschichtig ein Kunstwerk ist, was es an Angriffsflächen für meine sich in der Zeit verändernden Wahrnehmungsinteressen zu bieten hat. So ist diese Sucht nach Neuem zum Teil auch ein Irrtum oder Vorurteil gegenüber bereits Nachgeurteiltem: wer weiß, was beim nächsten Mal "Schuld und Sühne" oder "Matthäuspassion" geschieht. Letztlich eine diffuse Frage nach dem, was ich einem Werk zutraue, nachdem ich es einmal wahrgenommen habe, und ob ich irgendwo heraus Anlass empfinde, bei (scheinbar) Bekanntem erneut auf die Suche zu gehen.


    Und desweiteren kommt nun noch ein ganz anderer Aspekt als der der Suche hinzu. Reine Suche ist auch immer Verunsicherung, orientiert sich ins Unbekannte, noch Fremde. Das könnte auch ich nicht allzu lange aushalten. Deshalb gibt es auch Musik etc., die ich immer wieder aufsuche. Darin liegt das Gegenteil von oben beschriebener Suche, nämlich das heimelig Bekannte, das Erdende, das Verlässliche, das mir immer wieder gibt, was ich zu einem jeweilgen Zeitpunkt von ihm erwarte oder erhoffe, eben Sicherheit. In Sachen Musik wird es da noch etwas komplizierter wegen der Mehrschichtigkeit von Komposition/Partitur, Interpret/Aufführung und Klangkonserve. Was Klassik betrifft bin ich schließlich noch gar nicht so lange dabei, überhaupt auch Werke kennenzulernen, und deren Realisation ist dann nochmal eine weitere Ebene, die Entdeckungen bereithält.


    Bei all dem ist immer wieder offen, ob dann ein Kunstwerk, eine Musik, ein Film bei mir greift und auf welche Weise, oder nicht. Aus irgendeinem Grund in guter Erinnerung Gebliebenes kann dann auch völlig nichtssagend und insofern enttäuschend werden. Anderes hakt sich beim dritten Mal bei mir ein, wo ich früher keine Berührungspunkte gespürt habe.


    Dazu gehört schließlich auch der Umgang mit Lebenszeit. Manche Kunstwerke benötigen mehr Zeitinvestition als andere, um sie überhaupt mindestens in ihrem Umfang (nicht unbedingt ihrer Tiefe) zu rezipieren (dass man darüber hinaus mit allem so viel Zeit verbingen kann, wie man will, ist klar). Ein Gedicht ist schnell gelesen, der Text eines Shakespeare-Stücks braucht mehr, ein Lied von Mendelssohn auf CD ist rasch bei der Hand, der Weg zum entsprechenden Konzert schon wieder etwas weiter, von der Extended-Version der "Herr der Ringe"-Trilogie weiß ich, wie lang sie laufen wird, aber ich weiß zu Beginn noch nicht, ob ich eine Stelle mehrfach ansehe und wo ich mal Pause mache, ein Roman hat absehbare Seiten, aber mal "schaffe" ich 30, mal 50 mal 150 an einem Tag und ich habe das Recht, darin zu springen. Es ist also auch eine Frage des Aufwands, den ich vermutlich betreiben werde, und ob das diffuse Versprechen eines Kunstwerks mich über die Schwelle bringt, es anzugehen. Und das wie gesagt unter dem Blickwinkel der Aussicht auf Unbekanntes oder vermeintlich Altbekanntes.


    Ich denke also, aus Gründen der Sicherheit einerseits und der gefährlichen Sehnsucht nach der Fremde andererseits sowie der Bereitschaft zur Investition von Zeit und Aufmerksamkeit (Arbeit) entsteht mein Umgang mit - sagen wir mal jetzt hier - klassischer Musik. Die Suche nach Neuem überwiegt bei mir deutlich und ich brauche die Abwechslung, aber zugleich gibt es schon jetzt ein paar Aufnahmen, die ich immer wieder mal auflege, weil ich weiß, was sie mit mir machen. Oder anders gesagt: die mir naheliegen, weil ich ihr Verhältnis von Sicherheit, Sehnsucht, Arbeit und mir gut kenne. Das ist auch mal schön.


    Um abschließend nochmal auf Yorick zu kommen: nein, bei umfassenderen Werken kenne ich das nicht, im Kleineren jedoch schon. Beispiel: ich saß kürzlich vor einer alten Fabrikantenvilla im sonntäglichen Vormittagssonnenschein allein, glaubte von der Stimmung her beinahe ein Zauberberg-ähnliches Hüsteln vom Treppenhaus gehört zu haben und wiederholte immer und immer wieder, unzählige Male, Liszts "Sancta Dorothea" von Campanella auf Liszts Bechstein in meinem Kopfhörer - das passte so wunderbar zusammen, dass ich auch jetzt immer wieder gerne genau dieses Stück in genau dieser Einspielung höre und es mich trägt, egal wo ich gerade bin.

    Gerade mal schnell noch mit *opi*und *omi* für morgen/heute abend mich eingekauft in:


    ABSCHLUSSKONZERT DES FESTIVALS ROMANISCHER SOMMER KÖLN:

    ROMANISCHE NACHT DER STIMMEN AB 20 UHR IN ST. MARIA IM KAPITOL

    Gibt es auch im Radio:

    WDR 3 Konzert Spezial Live ab 20.04 Uhr


    Programm:


    20:00 Uhr

    EURASIANS 5

    Begegnungen aus der eurasischen Mitte


    FERUZA OCHILOVA, Gesang, Doira, Dutar

    NEGAR BOOBAN, Oud

    VERONIKA TODOROVA, Akkordeon

    ALEX MORSEY, Kontrabass, Gesang, Sousaphon

    CAROLINE THON, Saxophone


    20:45 Uhr

    MUSICA FIATA / CAPELLA DUCALE / ROLAND WILSON (LEITUNG)

    BEHOLD THE BLESSED LIGHT. ERSTER TEIL: FÜRSTENHOCHZEIT 1568


    21:30 Uhr

    Ensemble Variances

    LA VOIE DE LA BEAUTÉ

    ENSEMBLE VARIANCES

    Katarina Livljanic und Noa Frenkel, Alt

    Thierry Pècou, Musikalische Leitung und Komposition


    22:30 Uhr

    MUSICA FIATA / CAPELLA DUCALE / ROLAND WILSON (LEITUNG)

    BEHOLD THE BLESSED LIGHT. ZWEITER TEIL: FÜRSTENHOCHZEIT 1568


    23:15 Uhr

    Ensemble Stimmwerck

    MUSIK AN MARIA IN KAPITOL UM 1600

    ORLANDO DI LASSO, JEAN MOUTON, CRISTOBAL DE MORES U.A.

    ENSEMBLE STIMMWERCK:

    Franz Vitzthum

    Klaus Wenk

    Gerhard Hölzle

    Marcus Schmidl


    Das klingt nach einem spannenden Abend in einer der schönsten romanischen Kirchen Kölns. Stimmwerck höre ich immer gerne, besonders den Altus Franz Vitzthum, darüber kam ich überhaupt auf das Konzert. Freue mich drauf und lasse mich gerne überraschen, was sich da an Klängen begegnen wird.


    *sante*

    2001: Odyssee im Weltraum (1968)

    "The Shining"


    Dann lege ich gerne auch noch "Eyes Wide Shut" dazu, denn Kubrick hat es immer geschafft, Musik, auch Ligetis, zielsicher für seine eigene Narration einzusetzen - das mag einen Hörer dann zwar auch bezüglich des reinen Musikerlebnisses prägen, aber andererseits kann es eben auch einen leichten Zugang ermöglichen. Außerdem sieht man einen Kubrick-Film - Grund genug. :jubel:



    John Adams (*1947)


    Harmonielehre

    The Chairman Dances - foxtrot for orchestra

    Two Fanfares: Tromba Lontana

    Short Ride in a Fast Machine


    City of Birmingham Symphony Orchestra

    Simon Rattle

    1993

    Johann Baptist Vanhal: Streichquartette c-moll op. 1 No. 4, G-Dur, A-Dur op. 33 No. 2 & Es-Dur *opi*


    Lotus String Quartet
    Sachiko Kobayashi: 1. Violine (Joannes Tononi 1699)
    Mathias Neundorf: 2. Violine (Andreas Guarnerius 1680)
    Tomoko Yamasaki: Viola (Alfonso Della Corte 1870)
    Chihiro Saito: Cello (Carlo F. Landolfi 1755)


    Danke Euch beiden fürs Nachhören. Die Stelle ist auch zu Beginn des Amazon-Schnipsels zur CD zu hören. Mich irritiert's halt.


    Darf ich Dir die Hybrid-Hebriden anempfehlen?

    Darfst Du selbstverständlich. Habe kurz reingehört und die Bearbeitung könnte mir tatsächlich gefallen.