Beiträge von Jean jouant lespinette

    Es gibt von der Unvollendeten von Schubert (1.Satz) eine Aufnahme, die wirklich aus jedem Rahmen rausfällt - und die auch nirgendwo auf CD zu haben ist. Sie ist gespielt mit einer verkleinerten Besetzung, die zum Ausgleich mit Klavier verstärkt worden ist. Sie dient dazu zwischen 30:15 und 39:55 Szenen des Films "L'Age d'or" von Luis Bunuel aus dem Jahr 1930 zu untermalen (kurze Unterbrechung bei der Szene mit dem Gewehr). Die Aufnahme ist sicherlich extra für den Film eingespielt worden (daher kein volles Symphonieorchester wohl, und auch weil die Symphonie am Ende nicht mit dem richtigen Schluss schließt, sondern nahtlos in eine andere Musik überleitet). Inwiefern und warum gerade die Unvollendete von Schubert herangezogen worden ist, um welche Handlungsmomente wie zu untermalen, diese Frage erübrigt sich deshalb, weil bei solchen Bunuel-Filmen ohnehin auch gar nicht feststellbar ist, von was die Handlung denn nun eigentlich handelt. Bunuel ist der Virtuose des surrealistischen Filmes und seine Szenen gehen so "sinnfrei" wild und collagenhaft ineinander über, dass das einzig Logisch-Kohärente hier eigentlich nur Schubert mit seiner musikalischen Narration liefert. Der Rest vom Fest? Surreal eben. Aber das wirklich Besondere, schier Stupende an dieser Wiedergabe der Schubert-Symphonie ist, wie die Musiker es so gespielt haben, dass die Aura und die Diktion des Stummfilms in die Art des musikalischen Spiels übergangen ist, wie ein "Geist" in die Musik hineingefahren ist. Artikulation, Phrasengestaltung, Dynamik, Tempi und Tempodifferenzierung, "Intonation" im Sinne von Ansetzen und Absetzen ist auf einer abstrakten Ebene völlig äquivalent mit der Grellheit und "Übertriebenheit" und theatralischen Ruckartigkeit des Mienenspiels und des Agierens der Schauspieler des (damals schon im Verschwindenen begriffenen) Stummfilms. Jeder Moment bekommt eine grelle Kraft und expressionistische Vehemenz, mit der er sich gewissermaßen immerzu aus dem Zusammenhang hervordrängt, und trotzdem ist alles sehr stringend und mitreißend. Es ist ein bisschen vielleicht allenfalls an Toscanini erinnernd, aber entspricht auch Toscanini nicht ganz....Wenn man die Unvollendete in genau dieser Weise ohne Film spielen würde (auch bei normalem Orchester), würde jeder sofort denken: ups, was ist jetzt los?? Wie spielen die denn? Aber das würde sich heute sicher kein Dirigent trauen - außer man packt es in einen entsprechenden Rahmen. Wie wär's mal mit "historischer Aufführungspraxis" in der reflexiven Form - historisch historisch, das Historische im Historischen ? - "Sie hören heute Abend Schubert - wie man ihn zur Zeit der Weimarer Republik spielte....... " (Anderes aus dem symphonischen Repertoire, etwa Mendelssohn und Wager ist auch im Film verwendet, aber das führt jetzt zu weit. Einfach anschauen, den Film!)



    Daneben habe ich auch noch aus der Berliner Philharmoniker-Box die Aufnahme der 7. Symphonie von Bruckner mit Horenstein. Das ist eine Aufnahme von 1928 sozusagen historische Aufführungspraxis in Echtzeit, da in diesem Jahr noch eine Generation gelebt und musiziert hat, die Bruckners Zeit selbst noch knapp teilweise erlebt hat. Horenstein ist zwar erst 1898 geboren, aber er war durch die älteren Musiker mit Leuten umgeben, die in ihren jungen (Lern-)Jahren noch Bruckner und seine Zeitgenossen erlebt haben konnten. Nun müsste man es zwar speziellen Untersuchungen vorbehalten, inwieweit direkt nach Bruckners Tod sich der Aufführungsstil schon so weit verändert hat, dass man jetzt bei Horensteins Aufnahme nicht mehr von "authentisch" sprechen kann. (So weit ich weiß, ist dieses heutige nervige stupide Dauervibrato erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen, während davor Vibrato davor zwar nicht nicht benutzt, aber doch viel gezielter und differenzierter eingesetzt worden ist - wie man auch hier hören kann trotz der "Lagerfeuerakustik" der Aufnahmen aus dieser Zeit.,).

    Zum großen Vorzug und zur Besonderheit dieser Aufnahme von Horenstein gehört es aber - und da ist er vielleicht noch im "Kontakt" mit dem Echtzeit-Bruckner-Stil - , dass Horenstein wirklich verstanden und umgesetzt hat, dass der erste Satz nicht nur mit Allegro moderato als Anfangstempobezeichnung überschrieben ist, sondern auch noch alla breve notiert ist. Das heißt bekanntlich, dass man das Grundtempo in Halben und nicht in Vierteln denkt und dass sich darauf auch die Tempobezeichnung bezieht. Das macht das Ganze dann wesentlich schneller, und bringt einen dazu zu erkennen, dass dieser Satz eben nicht von jener breiten, quasi-esoterischen Pseudoerhabenheit getragen bzw. ausgebremst ist, sondern etwas sehr Leichtfüßiges, Elfenhaftes hat - ja, ich würde wirklich sagen, Bruckners Siebte ist - trotz des Bezugs im zweiten Satz auf Wagners Tod - gewissermaßen seine "Sommernachtstraummusik". Und Horensteins Aufnahme ist eine der wenigen, die hier wirklich die Fenster aufgestoßen hat (besser gesagt vielleicht: zu seiner Zeit war das Fenster noch offen) und Sommerlicht und -luft hereinlässt. Und ich finde, man könnte da auch Rückschlüsse auf die Musik von Bruckner insgesamt ziehen. Bruckner war zwar auch in seinen Symphonien sehr metaphysisch und religiös getragen. Aber "religiös" ist nicht gleich "religiös" - die Verkrampfung und neurotische Verklemmtheit, an der Bruckner in seinem realen Leben litt (Demutszwang, Zählzwang etc..) sollte man nicht auf die Art des Spielens seiner Musik übertragen - dann kann nämlich das passieren, was in der letzten Perversion Celibidache fertig gebracht hat: dass aus Bruckner Kinomusik wird (irgendwie auch 'ne Leistung). In Bruckners Symphonik steckt viel mehr Tanzboden und eine sich über die Taktstriche hebende Direktheit, als es einem die mainstream-Spielweise glauben lässt - und Horensteins Aufnahme gibt einem eine sehr inspirierende Idee davon!

    Daneben habe ich auch noch aus der Berliner Philharmoniker-Box die Aufnahme der 7. Symphonie von Bruckner mit Horenstein. Das ist eine Aufnahme von 1928 sozusagen historische Aufführungspraxis in Echtzeit, da in diesem Jahr noch eine Generation gelebt und musiziert hat, die Bruckners Zeit selbst noch knapp teilweise erlebt hat. Horenstein ist zwar erst 1898 geboren, aber er war durch die älteren Musiker mit Leuten umgeben, die in ihren jungen (Lern-)Jahren noch Bruckner und seine Zeitgenossen erlebt haben konnten. Nun müsste man es zwar speziellen Untersuchungen vorbehalten, inwieweit direkt nach Bruckners Tod sich der Aufführungsstil schon so weit verändert hat, dass man jetzt bei Horensteins Aufnahme nicht mehr von "authentisch" sprechen kann. (So weit ich weiß, ist dieses heutige nervige stupide Dauervibrato erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufgekommen, während davor Vibrato davor zwar nicht nicht benutzt, aber doch viel gezielter und differenzierter eingesetzt worden ist - wie man auch hier hören kann trotz der "Lagerfeuerakustik" der Aufnahmen aus dieser Zeit.,).

    Zum großen Vorzug und zur Besonderheit dieser Aufnahme von Horenstein gehört es aber - und da ist er vielleicht noch im "Kontakt" mit dem Echtzeit-Bruckner-Stil - , dass Horenstein wirklich verstanden und umgesetzt hat, dass der erste Satz nicht nur mit Allegro moderato als Anfangstempobezeichnung überschrieben ist, sondern auch noch alla breve notiert ist. Das heißt bekanntlich, dass man das Grundtempo in Halben und nicht in Vierteln denkt und dass sich darauf auch die Tempobezeichnung bezieht. Das macht das Ganze dann wesentlich schneller, und bringt einen dazu zu erkennen, dass dieser Satz eben nicht von jener breiten, quasi-esoterischen Pseudoerhabenheit getragen bzw. ausgebremst ist, sondern etwas sehr Leichtfüßiges, Elfenhaftes hat - ja, ich würde wirklich sagen, Bruckners Siebte ist - trotz des Bezugs im zweiten Satz auf Wagners Tod - gewissermaßen seine "Sommernachtstraummusik". Und Horensteins Aufnahme ist eine der wenigen, die hier wirklich die Fenster aufgestoßen hat (besser gesagt vielleicht: zu seiner Zeit war das Fenster noch offen) und Sommerlicht und -luft hereinlässt. Und ich finde, man könnte da auch Rückschlüsse auf die Musik von Bruckner insgesamt ziehen. Bruckner war zwar auch in seinen Symphonien sehr metaphysisch und religiös getragen. Aber "religiös" ist nicht gleich "religiös" - die Verkrampfung und neurotische Verklemmtheit, an der Bruckner in seinem realen Leben litt (Demutszwang, Zählzwang etc..) sollte man nicht auf die Art des Spielens seiner Musik übertragen - dann kann nämlich das passieren, was in der letzten Perversion Celibidache fertig gebracht hat: dass aus Bruckner Kinomusik wird (irgendwie auch 'ne Leistung). In Bruckners Symphonik steckt viel mehr Tanzboden und eine sich über die Taktstriche hebende Direktheit, als es einem die mainstream-Spielweise glauben lässt - und Horensteins Aufnahme gibt einem eine sehr inspirierende Idee davon!

    ....also von der Reihe der Berliner Philharmoniker habe ich die Platte mit dem Harnoncourt/Bach-Konzert, die gab's mal bei jpc auf der Resterampe für 1,99. Aber die ist auch locker das Zenfache wert. Ich war zuerst und auch sogar bei den ersten Hörmomenten ein bisschen skeptisch, und dachte: was wird das? Harnoncourt im Rückwärtsgang zurück zu Stahlsaiten-Barock-Schrumm-Schrumm á la Festival Strings Luzern? Aber wie so oft bei Harnoncourt irritiert er zuerst, zwingt dann zum Nachdenken und am Ende ist es eindrucksvoll. --- Ich hab mal gehört, dass Harnoncourt zuletzt mit seinen frühen Aufnahmen nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Und genauso ist er ja auch aus der Alte Musik-Formel 1 ausgestiegen und hat z.B. in der Neuaufnahme von "Messiah" die Tempi sehr zurückgenommen. So auch hier. Aber obwohl hier kein sprühender "Barockduktus" mehr herrscht und man nicht mehr mitgepeitscht wird, ist da trotzdem nicht die frühere Trägheit des "Altehrwürdigen" wie zu Zeiten vor der historischen Aufführungspraxis, sondern es ist alles sehr sanglich und differenziert artikuliert, wirkt fast melancholisch. Man kann durchaus sagen: ein "Kompromiss" zwischen den verschiedenen Spielweisen und wird vielleicht auch meinen können, dass Kompromisse immer faul sind. Symptomatisch: Die Air ist langsam und verhalten - aber auch recht robust federnd. Aber das unbestreitbar Gelungene an der Aufnahme ist mindestens, dass sie dazu zwingt, sich mit ihr zu beschäftigen, und man sie schließlich überhaus schön, jedenfalls singulär finden kann (so macht das kein anderer!). Leider hat durch Harnoncourt dieser Ansatz dann mit den anderen beiden Ouverturen keine Fortsetzung gefunden.

    ....also von der Reihe der Berliner Philharmoniker habe ich die Platte mit dem Harnoncourt/Bach-Konzert, die gab's mal bei jpc auf der Resterampe für 1,99. Aber die ist auch locker das Zenfache wert. Ich war zuerst und auch sogar bei den ersten Hörmomenten ein bisschen skeptisch, und dachte: was wird das? Harnoncourt im Rückwärtsgang zurück zu Stahlsaiten-Barock-Schrumm-Schrumm á la Festival Strings Luzern? Aber wie so oft bei Harnoncourt irritiert er zuerst, zwingt dann zum Nachdenken und am Ende ist es eindrucksvoll. --- Ich hab mal gehört, dass Harnoncourt zuletzt mit seinen frühen Aufnahmen nicht mehr in Verbindung gebracht werden wollte. Und genauso ist er ja auch aus der Alte Musik-Formel 1 ausgestiegen und hat z.B. in der Neuaufnahme von "Messiah" die Tempi sehr zurückgenommen. So auch hier. Aber obwohl hier kein sprühender "Barockduktus" mehr herrscht und man nicht mehr mitgepeitscht wird, ist da trotzdem nicht die frühere Trägheit des "Altehrwürdigen" wie zu Zeiten vor der historischen Aufführungspraxis, sondern es ist alles sehr sanglich und differenziert artikuliert, wirkt fast melancholisch. Man kann durchaus sagen: ein "Kompromiss" zwischen den verschiedenen Spielweisen und wird vielleicht auch meinen können, dass Kompromisse immer faul sind. Symptomatisch: Die Air ist langsam und verhalten - aber auch recht robust federnd. Aber das unbestreitbar Gelungene an der Aufnahme ist mindestens, dass sie dazu zwingt, sich mit ihr zu beschäftigen, und man sie schließlich überhaus schön, jedenfalls singulär finden kann (so macht das kein anderer!). Leider hat durch Harnoncourt dieser Ansatz dann mit den anderen beiden Ouverturen keine Fortsetzung gefunden.