Beiträge von Arnulfus


    Liebe EROICAeaner/innen,


    Gerade zu Ferenc Fricsay ist es mir wichtig meinen persönlichen Bezug kundzutun und nicht in erster Linie bereits von Profis Aufgeschriebenes über ihn zu wiederholen. Ich habe ihn allerdings nicht mehr LIVE hören können, denn er starb bereits im Alter von 49 Jahren,1963. Mit ihm begann aber trotzdem sehr VIEL bezüglich meiner „Klassik“ –Begeisterung. Ich war 14 Jahre alt, war in einem Rehabilitationsheim der Krankenkasse in Meschede im Sauerland, nach vielen Wochen Krankenhaus und ausgeprägten Komplikationen nach der Schluckimpfung (Poliomyelitis). Der Gruppenleiter wollte mit uns pubertierenden Jungen nicht nur Fußballspielen und Wandern, sondern hatte auch den Ehrgeiz uns klassische Musik nahe zu bringen. Ein Pfarrerssohn aus Fürth und ich waren wohl allerdings die Einzigen von ca 15 Rekonvaleszenten, die er damit beglücken konnte....und zwar mit der „Sinfonie aus der neuen Welt“ von Anton Dvorak.

    Die mich bis dahin hauptsächlich geprägt habende Operetten-Welt meiner Eltern, verflüchtigte sich ungeheuer schnell in die Morgenebelschwaden der Ringsumnatur von Meschede. Meine Welt waren „gern hab ich die Frau’n geküsst“, „steht ein Soldat am Wolgastrand“ und „Wilja oh Wilja“.....sowieso nicht gewesen,.............. Rupert Glawitsch, Herbert-Ernst Groh und Sari Barabas eigentlich auch nicht ganz................höchstens Benno Kusche, den ich viele Jahre später als „Beckmesser“ richtig entdecken durfte. ]Ob Fricsay „die Meistersinge“ dirigiert hat, weiß ich im Moment gar nicht. Einen sehr guten TRISTAN hab ich allerdings mit ihm. (seit ca 10 Jahren). Damals, nach der Kur, kaufte ich mir mit 15 Jahren meinen „wahren Klassik-Durchbruch“, nämlich die NEUNTE von Dvorak, op.95, die gerade mit den Berliner Philharmonikern unter dem ungarischen Dirigenten auf den Markt gekommen war. Der bereits von seinem Magencarcinom schwer gezeichnete Maestro, sieht auf dem Plattencover bereits sehr cortison-aufgepumpt aus. Seine Interpretation der Sinfonie ist aber schlackenlos, gerten-schlank und drahtig, wie er selbst, bevor der Krebs ihn zeichnete und auffraß.


    Mindestens genauso geprägt hat mich –wie wahrscheinlich Millionen vor dem Fernsehen (1962) – seine einzigartige Orchesterprobe von „Die Moldau“ (Smetana). Ich habe einen begeisterten und Begeisterung verbreitenden, fast strahlenden mittelalten Mann in Erinnerung, der mit einer unglaublichen Hingabe und Kraft ein mir bereits bekanntes Stück Populärklassik vorstellte.
    ]ETWAS stimmte nicht, von seiner Krankheit wusste ich zwar nichts, war mit meinen knapp 18 Jahren aber irgendwie getroffen und betroffen zugleich. Eine Art „mulmiges Gefühl“ ist mir fast 50 Jahre später noch geblieben.


    Ein Jahr später erlag der ungarische Dirigent seinem Krebsleiden. Fricsay’s Hingabe und rythmische Praegnanz sind bis heute seine Markenzeichen. NICHTS klingt bei ihm unverbindlich, nett oder beliebig. Er liebte den scharfen und leidenschaftlichen Zugriff, ließ seine drei Berliner Orchester schlank und durchsichtig spielen.....war in jeder Hinsicht ein Gegenentwurf zu Furtwaengler, Knappertsbusch und Klemperer. Von den Amerkanern wurde er 1947 als Chef des RIAS-Sinfonieorchesters inthroniert, es folgten 3 Jahre die Leitung des Westberliner Opernhauses und etliche (heute noch verfügbare,) teils exemplarische Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern für die DGG.

    Ich bewundere seine Bartok-Konzerte mit Landsmann Geza Anda, der nur wenige Jahre später ebenfalls einem Krebsleiden erlag. Neben Bartok, vor allem das „Konzert für Orchester“ und die exemplarische Interpretation der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, der Landsmann Kodaly, sowie Strawinsky mit Petrouschka, Sacre, etc, sind es die letzten 3 Tschaikowsky-Sinfonien, die mich begeistern... aber auch seine Schöpfung + einige Sinfonien von Haydn, die da Ponte Opern von Mozart, z.B. mit der so unkrapiziösen, wunderbar klaren Gräfin der Maria Stader (Le Nozze), seine (fast) an Toscanini erinnernden Beethoven Sinfonien, die mit „Con Brio“ dieses ungarische „Lebensstromgefühl“ ausstrahlen, ............und auch das Verdi-Reqiem schätze ich sehr.

    Seinen DON CARLOS suche ich noch. (????)

    Mich interessiert, ob andere EROICAner/innen diesen Dirigenten ähnlich schätzen.


    Es grüßt.................Arnulfus

    Am 18. Oktober 1909 wurde OTTO ACKERMANN geboren. Diesen Dirigenten-Namen kenne ich seit den fünfziger Jahren, da meine Eltern Operetten im Radio hörten...und z.B. „Zigeunerbaron“, wie auch „Wiener Blut“ mit der Schwarzkopf unter Ackermann, gab es öfter, zumindest ausschnittweise. (EMI) Ob meine Vorurteile gegenüber der Operette bereits damals geschürt wurden, da diese für das Interesse meiner Eltern an klassischer Musik im wesentlichen standen, mag wohl sein. Ich war in der Pubertät, hatte nach meinem Schlüsselerlebnis mit Dvoraks „Sinfonie aus der neuen Welt“ (in der Kur, nach einer schweren Erkrankung), angefangen mir die Welt der klassischen Musik Stück für Stück mit den Beethoven Sinfonien zu erobern. Das war nicht mehr die Musikwelt meiner Eltern. Ihr einseitiges Interesse für Operetten hatte allerdings einen großen Pluspunkt für mich:


    Nach Karel Ancerl (Dvorak’s „Neunte“), lernte ich einen zweiten Dirigenten-Namen kennen, der auch mit dem Buchstaben A begann: nämlich Otto Ackermann. Noch heute könnte ich die Musik der beiden genannten Operetten verwechseln, aber die Art wie dieser Dirigent vor fünfzig Jahren den orchestralen Anteil dieser Operetten mit einer schwungvollen, ja süffigen und trotzdem sehr subtilen Art dirigiert hat, hab ich zum Teil noch heute im Ohr.


    Meine Eltern konnte ich nach dem „schweren Beethoven“ (wie meine Mutter stets sagte) dann etwas versöhnen, da ich wusste, dass im Radio „Selig sind die Verfolgung leiden“ aus dem „Evangelimann“ (Kienzl) mit Peter Anders kam. Damals wenig, aber heute weiß ich die Stimme dieses Tenors sehr zu schätzen, damals stand offensichtlich die Schulung meines Gehörs für das Orchester und seine Farben im Vordergrund, denn Ackermann begleitete ihn. Zwei Jahre nach dieser Radio-Übertragung ist Anders ja bekannterweise auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen..............und das war ganz in der Nähe unseres Wohnorts und damit Gesprächsthema in unserem Ort.


    Ich hatte also mit meinen Eltern dicht vor dem alten Radio gesessen, hatte damals aber nur Ohren für die Magie des Dirigats dieses Ackermann, das mich voll in seinen Bann gezogen hatte. Das Schwelgen für Stimmen war nichts für mein pubertierendes Gemüt. Bis dahin hatte ich noch kein Orchester LIVE gehört, was dazu führte, dass Ackermann mein erster Radiodirigent wurde. Ich saß dann mit Bildern und Büchern über Instrumente, Orchester, deren Sitzordnung und Anleitungen über die Dirigierkunst etc gebannt da und lauschte. Bis heute meine ich davon zu profitieren, hauptsächlich auf die eigene Phantasie und Vorstellungskraft beim Hören die Priorität seit damals gesetzt zu haben. Noch heute bin ich hauptsächlich ein „Hörmensch“, vor allem auch dank Otto Ackermann.


    Die DVDs werden bei mir (wohl wegen der geschilderten Fakten) immer ein Schattendasein führen.


    Damals hatte ich also unter anderem ein LIVE Radio-Konzert unter Ackermann mit Sena Jerunac, Peter Anders und Kurt Böhme gehört. Erst 5 Jahre nachdem ich über den Äther „Durch die Wälder, durch die Auen“ unter dem Dirigat Ackermanns mit Peter Anders gehört hatte, sah ich die gesamte Oper in Hamburg, mit Heinz Hoppe, bzw mit Ernst Kozub in den Hauptrollen und der jungen Edith Mathis, so wie Arlene Saunders. Die Sänger sind in meiner Erinnerung weit weg....


    Aber bei den Dirigaten von Leopold Ludwig (Freischütz) und Wilhelm Brückner-Rüggeberg (Smetana) habe ich damals geflucht, das weiß ich noch genau. Das war Hausmannskost, derb und zum Sattmachen gedacht. Das war ein „Eintopf“ und kein Gericht eines Sterne-Kochs mit vielen Zutaten, die man einzeln meinte zu riechen, wie ich es aus dem Radio von diesem Schweizer Ackermann (Radioansage) kannte. Auch bei den Arien/Duett von Marie und Hans (Verkaufte Braut) entsprach das Dirigat in seiner Natürlichkeit der „Naturstimme“ der jungen Sena Jurinac.


    Meine Ohren waren immer erst beim Orchester, dem Klang und der Eigenart des Klangkörpers, dank Ackermann. Dieser lieferte beim sogenannten „Begleiten“ den Beweis seiner unschätzbaren hohen Musikalität. „Die verkaufte Braut“, meine zweite Oper in Hamburg, mit dem jungen Heinz Kruse unter Brückner-Rüggeberg, brachte mich in Erinnerung des Dirigats von Ackermann, zu Richard Strauss und den „Vier letzten Lieder“, die Ackermann 1953 mit der Schwarzkopf und dem Philharmonia Orchestra eingespielt hat.


    1960 war diese Aufnahme von Ackermann – neben den Operetten – die einzigste erhältliche Platte mit ihm. Bis heute ist diese Interpretation für mich DIE für die berühmte Insel. Wenn ich diese Aufnahme mit der Szell’s vergleiche, fällt mir insbesondere die Natürlichkeit des Streicherklangs mit seiner unglaublichen Transparenz auf. Die artifizielle Note der Schwarzkopf’schen Kunst unterstreicht Szell indess, so dass bei ihm mehr das nostalgische Moment zum Tragen kommt , während Ackermann sie sehr sanft konterkarriert und dadurch das manieristische Moment im Gesang der Schwarzkopf durch die Schlichtheit der Streicher noch deutlicher, wie auch intensiver in seiner Wirkung wurde. Zurück zum Radiokonzert der Fünfziger, in dem Ackermann auch Ausschnitte aus dem Rosenkavalier und der Ariadne dirigierte. Ich weiß nicht, ob es die Rosenkavalier-Suite mit ihm jemals auf Platte gegeben hat..... aber eine Interpretation, die einer Strömungsqualität der Donau bei beschwingten Windverhältnissen von Stärke 3 bis 4 entspricht, bewegt dem Zuhörenden fast automatisch das Tanzbein im recht beschwingten ¾ Takt.


    Die Rosenkavalier-Suite mit Otto Ackermann eröffnete eine richtig neue Gefühlswelt für mich. (mit 15 Jahren) 1957 wurde bei ihm ein Speiseröhrenkrebs diagnostiziert. Zehn Jahre zuvor war er staatenlos geworden, weil er und seine Familie sich nicht mit dem kommunistischen System in Rumänien identifizieren wollten. Zur selben Zeit bot ihm die Wiener Staatsoper (damals in der Volksoper) nach einigen erfolgreichen Gastspielen mit „Carmen“ und dem „Rosenkavalier“ einen mehrjährigen Vertrag als musikalischer Oberleiter an.


    Gut war diese Zeit nicht für ihn, denn die Eigengesetzlichkeiten an diesem Opernhaus von Rang, für einen „Unbekannten“ ohne Lobby, führten zu großen Enttäuschungen. Ob da noch „großdeutsche Reich-Nachwehen“ eine Rolle gespielt haben, lässt sich vermuten, aber für Außenstehende nicht beweisen. Der berühmte, aber leider fast vergessene Julius Prüwer (1874-1943), ab 1925 ständiger Dirigent der Berliner Philharmoniker (!), ermöglichte dem 27jährigen ab 1926 ein Studium in Berlin. Prüwer war übrigens auch Szell’s Lehrmeister.


    Man stelle sich vor, dass der 22jährige Ackermann bereits 1931 in Bayreuth dirigieren durfte, wenn seine beiden Förderer Furtwängler und Toscanini unpässlich waren. 1932 ging er noch als jüngster GMD nach Brünn, wo er zu Wagners 50. Todestag bereits alle wichtigen Opern des Meisters mit Mitte Zwanzig dirigierte. Trotzdem, der Nationalsozialismus zwang ihn – wie auch Prüwer, der in die USA emigrierte- zur Flucht und zwar in die Schweiz.


    Einmal „Berner Treue“, immer „Berner Treue“, vor allem in Krisenzeiten, sollte sich ab diesem Schicksalsjahr abzeichnen. Seitdem er 1935 dort sein Debut im Alter von 26 Jahren geben konnte, brach die verbindliche Fürsorglichkeit der Kulturverantwortlichen der Schweizer Hauptstadt für Ackermann niemals wieder ab... 1949 schlug er wieder sein Domizil in Bern auf, wo er regelmäßig Gastdirigate am Stadttheater, in Konzerten des Berner Stadtorchesters und im Rundfunkstudio geben durfte. Aus diesen Jahren schätze ich eine fulminante 4. Tschaikowsky. Anschließend wurde er für drei Jahre 1. Dirigent am Zürcher Opernhaus. Dort mochte man besonders seine klaren und zugleich tiefen Interpretationen der Mozart Opern. Rudolf Hartmann schrieb, niemals die Priester-Szenen und Sarastro-Reden „in solch tief berührender Verklärung“ hat musizieren hören.


    Jetzt ging auch seine internationale Karriere los, Wien holte ihn jetzt oft, verschiedene Italienische Häuser und Orchester......und er bekam bei EMI einen Exklusiv-Vertrag. Für „Concert Hall“ dirigierte er 32 Mozart-Sinfonien. Falls jemand mehr über diese Aufnahmen weiß, wäre ich für Informationen dankbar. Mit Melitta Muszely und Fritz Uhl spielte er die erste Gesamtaufnahme von Busonis „Turandot“ ein.


    1953 wurde Ackermann Nachfolger von Richard Kraus am Kölner Opernhaus. Von der „Krönung der Poppea“ bis zum „Schlauen Füchslein“ dirigierte er so ziemlich das gesamte Repertoire. Schon von Krankheit gezeichnet war der „Oberon“ seine letzte Opernvorstellung. Schätze gibt es in den WDR-Archiven, denn dort machte Ackermann viele Studio-Produktionen von 1954 bis 1957. Darunter sind eine „Manon Lescaut“ mit Anny Schlemm und Hans Hopf, Mozart Klavierkonzerte mit Clara Haskil, „Lieder eines fahrenden Gesellen“ mit Dieskau, Mozart-Arien mit Teresa Stich-Randall ....und vieles mehr.


    Wenn ich Aufnahmen mit Ackermann höre, die leider viel zu selten aus den Archiven geholt werden, erlebe ich fast immer einen in besonderem Maße mit seinem Orchester atmenden Dirigenten. Ein wunderbar flexibler aber niemals brachialer Rhythmus ist eines seiner Markenzeichen und die Kunst große Bögen zu spannen. Man höre nur seine wundervolle Dvorak-Aufnahmen des Cellokonzerts mit Paul Tortellier, sowie die exellente „Sinfonie aus der neuen Welt“ mit dem Zürcher Tonhalle Orchester. (CDO 1071, The great Conductors)


    Ich erinnere mich an die Anmerkung eines Konzertmeisters des WDR, der voller Bewunderung und Dankbarkeit von Ackermann sprach, insbesondere wegen seiner unfehlbaren Sicherheit der Orchesterführung, seiner überlegenen Ruhe auch an den kniffligsten Stellen. Und seinem untrüglichen Gehör. Vor gut 51 Jahren, am 9. März 1960, ist Ackermann nach dreijährigem Leiden in der Nähe von Bern gestorben. Viele Dokumente besitze ich leider nicht von ihm.


    Gruß.............Arnulfus


    Zitat

    Victor de Sabata (* 10. April 1892 in Triest; † 11. Dezember 1967 in Santa Margherita Ligure) war ein italienischer Dirigent und Komponist.
    Er studierte in Mailand und dirigierte zunächst in Monte Carlo, wo er am 21. März 1925 die Uraufführung von Maurice Ravels L'Enfant et les sortilèges leitete. 1927 - 1957 war er Chefdirigent der Mailänder Scala, gab in der Zeit jedoch auch Gastdirigate in ganz Europa. Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Arturo Toscanini dirigierte er auch in Nazideutschland, wo er unter anderem als Wagner-Dirigent die höchste Achtung erfuhr. Dem heutigen Musikliebhaber ist der Dirigent de Sabata hauptsächlich durch seine von Walter Legge produzierten Aufnahmen von Tosca und der Messa da Requiem bekannt; der Komponist de Sabata ist hingegen so gut wie vergessen.
    De Sabata galt vielen Zeitgenossen dirigentisch als nüchterner und tiefsinniger als Toscanini, eine Meinung, die unter anderem auch von Sergiu Celibidache (der den Dirigenten in den 1930er und 1940er Jahren häufig in Berlin erlebte) vertreten wurde.





    Liebe EROICAeaner/innen,


    wie gerade gelesen, SO erfährt „man“ über WIKIPEDIA Fakten/Ansichten über einen der wichtigsten Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts. Ich war im jugendlichen Alter, als ich um 1960 herum erstmals von de Sabata hörte. >Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank< hieß die Sendereihe des NWDR, die ich damals stets herbeisehnte und die mich in die Welt der klassischen Musik kompetent einführte und mit ihr vertraut machte. Wie ich später erfuhr, war es ein vor 50 Jahren gewichtiger Dirigentenkollege des berühmten Italieners, nämlich Franz Marszalek, (Pseudonym „Herr Sanders“) --neben Wilhelm Schüchter-- DER Hausdirigent des damaligen Nordwestdeutschen Rundfunks. Sehr anregend, auf dem Hintergrund seiner eigenen Begeisterung und Bewunderung über de Sabata’s Interpretation von Brahms letzter Sinfonie, verriet er den Zuhörern am Radio VIELES.


    Die VIERTE hatte es mir angetan, hatte sie damals auch erstmalig unter „Schmisserstedt“ (wie die Hamburger den Chef des NDR RSO HH liebevoll nannten) LIVE gehört.


    Für die Plattenaufnahme (+ Konzerte) dieser Sinfonie mit den Berlinern, soll de Sabata 1939 wahre „Ringkämpfe“ durchgeführt haben. Mindestens fünfzig Mal mussten die ersten Takte des elegischen Beginn’s der e-moll Melodie wiederholt werden. Es sollen trotzdem „ruhige Ringkämpfe“ gewesen sein, es gab keine Szenen/Skandal, kein Wegrennen des Dirigenten, ......nur nichtendenwollendes Feilen an spieltechnischen und musikumsetzenden Details, bis das Spiel des Orchesters GENAU DEM melodischen Fluss entsprach, der dem gefühlten Ideal des Dirigenten gleichkam, seiner inneren Klangvorstellung des op.98. Der Durchsichtigkeits-STIL italienischer Dirigierkunst ist ein besonderer. Die polyphon angelegte Partitur ist folglich auch für de Sabata hauptsächlich die Addition von einzelnen Melodieströmen: Höchste HOMOPHONIE heißt sein absoluter Anspruch.


    Die Schilderung des Herrn Sanders, a la Marszalek, von den Probenarbeiten im Jahre 1939 war so eindinglich, dass ich sie fünfzig Jahre später noch im Ohr habe.


    Neben der Homophonie spielt eine fast eiserne rythmische Konzeption eine herausragende Rolle. Als drittes unabdingliches Moment ist seine >Kunst der Dynamik< zu sehen. Zwischen Pianissimo und Fortissimo zaubert der Maestro subtilste Schattierungen, seine Palette scheint unerschöpflich zu sein.


    Während ich nach Worten ringe, um seine außergewöhnliche Interpretation dieser Brahms-Sinfonie einigermaßen rüberzubringen, höre ich die Aufnahme aus meinen Lautsprechern. Sie klingt nicht „norddeutsch“ aufgerauht, was gerade bei der kühnen Architektur dieses Opus’, welches durchaus schroffe Anteile/Gewichtigkeit in sich trägt, ein logischer Interpretationsansatz sein kann. (z.B. bei Schmidt-Isserstedt)


    Bei de Sabata dagegen strömt die VIERTE stürmisch, im Finalsatz mit Windstärke 7, mindestens: also eine gelungene Synthese von italienischem Temperament und dem „norddeutschen Flair“ des Werkes. Gekoppelt ist meine 2CD-Box mit einer rasanten EROICA (1946, ebenfalls mit den Berliner Philharmonikern), die ich auch sehr empfehlen kann, wie auch eine vor Spannung knisternde Einspielung von Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“(1939).


    Wenn man von diesem Dirigenten spricht, kommt man vor allem an seiner exemplarischen Einspielung von Verdi’s „Messa da Requiem“ nicht vorbei.....auch seinen „Othello“ und die „Aida“ möchte ich nennen.


    Mit einer meiner absoluten IMMER-„Favorits“ möchte ich enden: Wagner’s TRISTAN, (natürlich) mit der unvergleichlichen Getrude Grob-Prandl als Isolde. (auch wenn die Tonqualität nicht die beste ist) Vielleicht kommt das Dirigat von Victorio de Sabata dem „Wahnsinn“ dieser Musik fast unheimlich nahe.


    Arnulfus

    [*]


    Liebe EROICAner/innen


    Zur Zeit staune und genieße ich einen scharfen Blick auf schleichende Gefahren kultureller Transformation. Das über Jahrhunderte GEWACHSENE kultureller Werte werden per Mausklick katapultiert.....aber wohin geht die Transformationsreise? Ein TOLLES und WICHTIGES Buch !...........Es grüßt Arnulfus


    Liebe EROICAner/innen, FRUST, denn ich schreibe diesen Artikel zum 2. Mal, denn als ich die zweite CD übertragen wollte, war der vorher geschriebene Text wie vom Erdboden verschwunden. Nachdem ich gestern über den Dirigenten Kirill Petrenko geschrieben habe, dem zukünftigen GMD der Bayrischen Staatsoper, kam heute per Post ein LIVE-Mitschnitt von 2008 aus London mit Rachmaninows 2. Konzert und dem -mir bisher nicht bekannten- Pianisten Dejan Lazic. Beide verbindet ein musikantischer Zugriff, man hört ihre Freude beim Musizieren, fein aufeinander abgestimmt sind Klavier und Orchester. Eine packende und überzeugende Aufnahme. Zuvor hatte ich das Dritte von Rachmaninow mit Tokarev und dem Dirigenten Spivakov gehört (Russ Nationalorchester) Das Orchester spielt den Part recht lustlos runter, mir zumindest fehlt die Spannung. M.E. ein sehr mäßiges Dirigat, langatmig, fast langweilig. Dabei spielt Tokarev einen schlanken Ton, der dem Konzert durchaus gut tut....aber Klavier und Orchester scheinen auf zwei verschiedenen Hochzeiten zu spielen. Das 1. Tschaikowsky-Konzert erreicht mit den gleichen Protagonisten insgesamt auch nur Mittelmaß.


    Eine sehr positive Überraschung stellen die Moment Musicaux, op.16 (1896) von Rachmaninow dar. Geschrieben vor der großen Lebenskrise des Komponisten, sind sie facettenreiche, sehr verschiedene "romantische" Miniaturen. Der Pianist Lazic fabriziert keinen Virtuosenzauber, sondern an der Schumann'schen Poesiewelt angelehnte feinnervige Darstellung, die trotzdem lebendig und zupackend gespielt, mich vollends überzeugt.


    Gruß.......Arnulfus

    Seit einigen Wochen ist bekannt, daß Kirill PETRENKO Nachfolger von Kent Nagano als GMD an der Bayrischen Staatsoper wird. Einen musikalerischeren Wechsel an einem führenden Opernhaus kann ich mir gar nicht vorstellen, was nicht als Abwertung/Bewertung des Vorgängers gelten soll. Nichts auch gegen Lorin Maazel, der fast zur gleichen Zeit als Nachfolger von Thielemann zu den Münchner Philharmonikern berufen wurde. Aber der nicht halb so alte Petrenko, steht für einen höchst aufregenden Neuanfang und sollte für viele offene Ohren sorgen können, inbesonders auch für "jüngere Ohren" (Opernbesucher). Ihn kennt man im Gegensatz zu dem 81 Jahre alten Maazel fast nur in "Fachkreisen" und z.B. auf einem Musikforum wie diesem, einem Betätigungsfeld von Liebhabern und Enthusiasten. Meine erste Platte mit Maazel (Händels Feuer-und Wasser-Musiken) habe ich vor einem guten halben Jahrhundert als Pubertierender erworben, diesen Dirigenten kennt man in/aus unzähligen Aufnahmen. Aus meiner Sicht hat er nicht mehr sehr viel Neues zu sagen, was ich nach 70 (!) Jahren Karriere auch für "normal" halte. Neu ist also nicht: München setzt wieder auf große/bekannte Namen; NEU ist allerdings: München setzt auf einen jungen Dirigenten, der der Fachwelt seinen Rang unter den ganz Großen zwar nicht mehr beweisen muß, trotzdem bis dato von seinem Bekanntheitsgrad her, durch Funk/Fernsehen und Schallplatte (CD), eher ein "Nobody" ist.


    Inzwischen hat KP zwar an allen wichtigen Opernhäusern dirigiert, von der Scala, über die MET, Covent Garden, etc; und bei den renommiertesteten Sinfonieorchestern hat er ebenfalls mit größtem Erfolg gastiert. Wenn ein Dudamel, Jurowski junior oder Kristian Järvi wahrscheinlich trotzdem einen publikumswirksameren Effekt zu garantieren scheinen, weil sie mit extrovertierter Gestik, sowie Crossover und schwerpunktmäßig insbesondere rhytmisch prägnanter Sinfonik auftreten, so kommen sie dem "Zeitgeist" vielleicht mehr entgegen als K.Petrenko. Dieser "Zeitgeist" (z.B. Crossover) hat durchaus seine Meriten, weicht alte Grenzen zwischen "E" und "U" auf, wirkt völkerverbindend, öffnet Vielen den Zugang zur "klassischen Musik". Dieser "Zeitgeist" hat aber auch eine andere Seite: er ist in der Gefahr zu glätten, zu simplifizieren, konsumgerecht zu verpacken.....selbst wenn er noch nicht bis zu Paul Pott, Bocelli oder Andre Rieux geht. In diesem Zusammenhang möchte ich JEDEM das Buch von Holger Noltze empfehlen: >Die Leichtigkeitslüge<.


    Genau an diesem Punkte MUSS ich zu Kirill PETRENKO zurückkehren, denn ihn sehe ich zwar als einen Erneuerer der Musik durch seine ganz besondere Musikalität und Vielseitigkeit, (von Monteverdi, Mozart über Beethoven, Verdi, Wagner, russische Musik, bis zu Ives und Schönberg) vorallem aber als Anwalt der Komplexität von Musik, die zu Grenzerfahrungen führen kann, wodurch wir herausgefordert werden und so Bereicherung, höchstes Glück und grenzüberschreitende Erfahrungen machen können. Kirill Petrenko ist im besten Sinne des Wortes ein aufregender Interpret, Diener am Werk und kein Selbstdarsteller oder gar "Star".


    Was bewegt mich zu diesem Plädoyer und Statement für diesen jungen russischen Dirigenten ?


    Vor gut 10 Jahren war er GMD im altehrwürdigen Meininger Theater und dirigierte einen unglaublichen RING. (Regie Christiane Mielitz) Mein Desaster war, Karten gehabt zu haben...aber wegen plötzlicher Erkrankung nicht dabei gewesen sein zu können. Dank der Tonträger konnte ich dann später diesen Geniestreich eines 27jährigen Dirigenten durchleben und genießen. Nur Furtwängler und Gielen können (für meinen Geschmack) wirkliche Alternativen in Punkto Interpretation bieten....vielleicht noch Thielemann, der mir persönlich am etwas zu einseitigen im großen lyrischen Fließen stecken bleibt. (habe ihn in Bayreuth gehört) Petrenko dagegen hat ein Händchen für die Architektur, Dynamik und Kontraste dieses Mammutwerkes; einfach bewunderswert. Für mich - als Wagner-Fan- gehört ein Mozart-Dirigat absolut dazu, ........DAS, genau DAS will ich hören, wenn mich jemand die "starken Scheite" hat spüren lassen, ich geglüht habe aber nicht dran verbrannt bin. Petrenko war Chef der "Komischen Oper Berlin" und dort habe ich ihn mit einem Mozart-Zyklus vor ca 5 Jahren gehört: COSI/FIGARO/DON GIOVANNI. Immer wieder höre ich mit Begeisterung und Staunen seinen ferdernden, wunderbar subtilen, niemals an innerer Spannung nachlassenden Mozart. Der Mann atmet MOZART. Meinen ersten "Figaro" habe ich 1964 in Hamburg unter Charles Mackers gehört, seitdem ist neben "TRISTAN" diese Mozart-Oper für mich eines der allerhöchsten musikalischen Genüsse. Gut 40 Jahre später habe ich -nach dutzenden von LIVE- u. - Plattenaufnahmen- unter Petrenko die durchdringenste und besonders beglückende Interpretation gehört. Welche Welten zwischen Mozart-Dirigaten liegen können, habe ich ebenfalls in Berlin erfahren. Nur kurze Zeit nach Petrenkos frischem, teilweise dämonisch zuspitzenden und wiederum ironisierenden Interpretationsansatz, habe ich in der "Oper unter den Linden" einen altbackenen, romantisierenden, für mich zerdehnt und langweiligen DON GIOVANNI eines weltberühmten Dirigenten gehört. Mir wurde dann nochmals besonders >klar< welche Kongenialität und Könnerschaft das Mozart-Dirigat von Kirill Petrenko kennzeichnet.


    In wenigen Wochen werde ich in Lyon unter diesem wunderbaren Dirigenten "TRISTAN" hören. "Ganz bewußt........höchste Lust".


    Es grüßt.........ein Fan eines ganz großen Dirigenten, geb. 1972 in Westsibirien, zu Hause mittlerweile in hoffentlich vielen Herzen von Musikfreunden außerhalb seines Geburts-Landes, da er exemplarisch eintritt für die Multikuluralität der Musik und ihrer humanistischen Botschaft.


    Arnulfus

    Ich bin richtig glücklich, daß es diesen Thread gibt, denn seitdem ich vor ca 15 Jahren LES ILLUMINATIONS mit Heather Harper unter Dean Dixon gehört habe, (Hess RSO Frankfurt, 1970) läßt mich diese Musik nicht mehr los. Diese Aufnahme gefällt mir von den 7 oder 8 Aufnahmen die ich mittlerweile besitze immer noch am Besten.


    Obwohl mir eine Frauenstimme bei diesen Liedern mehr liegt, überzeugt mich Ian Bostridge - wie so oft - auf ganzer Linie. Er schafft es, eine düstere, fast schon beängstigende Athmosphäre zu suggerieren, die man bei den Liedern nicht erwarten würde. Bemerkenswert auch, dass er, im Gegensatz zu Pears, die Vereinfachungen der Gesangslinie nicht wahrnimmt und die originale Sopranfassung übernimmt - das heißt, er singt wunderbar kräftige tiefe gs genauso wie das hohe b. Simon R. und die Berliner Philharmoniker spielen von allen Orchestern am persönlichsten und bereiten dem Sänger den idealen Teppich.


    Obwohl ich ein Fan von der Gesangkunst Peter Pears bin, stimme ich in der Wahl/Praeferrenz für eine Sopranstimme mit >Archaeopteryx< überein. Diese Leichtigkeit, ja Schwerelosigkeit, erreicht kein Tenor (Counter auch nicht) Gerade die Lott kenne ich mit dem op.18 bedauerlicherweise nicht. Neben Karina Gauvin habe ich vor kurzem noch eine neue Aufnahme mit Benjamin Hulett erstanden, die mir besser gefällt.......Nach der Harper, bevorzuge ich Bostridge (Aufnahme Nov 2002 NY Philh/C.Davis) dann Pears mit Britten als cond., einem Deutschen Countertenor (dessen Name mir entfallen ist) dann Hulett. Das letzte Lied "Depart" hat es mir besonders angetan. Gerne kann man mich wegen der HARPER konsultieren. Gruß........."Arnulfus"


    Obwohl es in diesem Thread primär um den Dirigenten Zender geht (oder gehen sollte), möchte ich auch auf zumindest eine seiner kompositorischen Arbeiten hinweisen, die mir sehr an Herz und Ohren gewachsen ist: Schubert's Winterreise – Eine komponierte Interpretation für Tenor und kleines Orchester (1993). Zender hat hier Schuberts Liederzyklus nicht nur orchestriert, sondern stark erweitert und zwar imo in einer Weise, wie sie hätte von Schubert sein können, hätte er heute gelebt. Das gesamte Werk ist sehr homogen und ich empfinde eigentlich keinen Stilbruch, es wirkt wie 'aus einem Guss' - als habe Schubert das genau so vorgesehen (nur mangels Mitteln damals nicht umsetzen können). Sollte darüber Diskussionsbedarf bestehen, können wir gerne einen Thread im Reminiszenzen-Forum eröffnen. Es gibt zwei Einspielungen dieser 'komponierten Interpretation', deren erste ich kenne: Peter Blochwitz, Tenor
    Ensemble Modern


    Diese Einspielung leitet Zender als Dirigent selbst, womit wir wieder beim Thema sind..


    Zu der Zeit als sein "Stephen Climax" vor ca 25 Jahren an der Frankfurter Oper in der Gielen-Zehelein-Berghaus-Ära herauskam, muß auch seine Interpretation der Winterreise mir erstmals begenet sein....es gab im kl. Schauspielhaus (im Theaterkomplex von Oper/Schauspiel) eine szenische Aufführung...ich meine, dies sei aber erst später gewesen. Blochwitz war damals auf dem Zenit seiner Laufbahn, ich erinnere mich vorallem an seinen exemplarischen Ferrando in der COSI. Ich hatte damals ein ABO des Ensemble Modern in der "Alten Oper" in Frankfurt (Konzertsaal) dort war m.E. die Uraufführung von Zender's SCHUBERTs WINTERREISE. Obwohl ich dieses Werk in den vergangenen Jahren kaum gehört habe, ist es ein MUSS für jeden Winterreise-Fan. Blochwitz gefällt mir besser als Pregardien weil er im >Zwischenfeld< von Lied und Oper agiert, .......das bekommt dieser "Orchesterfassung" ausgesprochen gut. SO wie Zender einen Durchbruch wagt, vom Klavier hin zu erweiterten Ausdrucksskala mittels eines kleinbesetzten Orchesters, so wagt Blochwitz auch eine Interpretation, die über den "kammermusikalischen" Liedgesang hinausgeht......es ist noch kein Strauss'sches Orchesterlied (ala Peter Anders)....aber eine "Überschreitung/Erweiterung" des "intimen Liedgesangs" findet statt. Ich finde Blochwitz' Heransgehensweise ist wie ein "Aufbruch", eine wichtige Ergänzung.


    Es grüßt.................Arnulfus

    Hallo Melina, hallo Ulli,


    WIESO ist die Interpretation von Glenn Gould HIPP, bitte ??? Es mag ja sein, daß ein Bruno Ganz, egal ob als Tasso, als "der eingebildete Kranke (Moliere), Macbeth, Franz Mohr oder Adolf Hitler IMMER irgendwie auf seine spezielle Art immer Bruno Ganz bleibt....aber eben der Vielseitige, Einzigartige TROTZDEM !!! Ähnlich ist es aus meiner Sicht bei Glenn Gould gelagert: Ein "Schlagwort" wie HIP, könnte man als Charakterisierung, als "Stempel" o.ä. verstehen. Ich frage mich was diese >Einschätzung< soll....aus subjektiven Gründen hat sie natürlich immer ihre Berechtigung. Eine Qualifizierung /Empfindung ob "traditionell" , avantgardistisch" oder "HIP" ist stets ein Ausdruck >persönlicher Empfindung< Mir scheint DAS in diesem Falle aber eine Anmaßung zu sein, weil hier in der Argumentation VERALLGEMEINERT wird und damit ein >Faktum< suggeriert wird<. Genau DAS aber geht m.E. nicht. ALLES muß mir nicht gefallen (bei keinem Interptreten)....aber gerade Gould's Interpretation der >Englischen Suiten< hat eine gestochene Noblesse, ist quasi eine Charakterstudie mit dem gebührenden augenzwinkernden Abstand bezüglich der gesellschaftspolitischen Eigenheiten der betreffenen Epoche.


    Nach den mir vertrauten musikalischen Sichtweisen von Carl Seemann, Edith Picht-Axenfeld, Ralph Kirkpatrick, Helmut Walcha und dem Holländer Leonhardt............war Gould der erste der - wie etwa bei einer adäquaten Inszenierung eines guten Opernregisseurs- der einen Spirit/Geist in seine Interpretation hineingezaubert hat, der "zeitgemäß" dem JS Bach begegnete, ohne die Komplexexität der Partitur zu leugnen, diese äußerst anspruchsvollen Suiten nicht ernst zu nehmen....... jedoch einen neuen Weg atemberaubender JETZIGKEIT in diesem Werk erkennen und verdeutlichen konnte, was m.E. bisher kein anderer Pianist ähnlich genial geschafft hat.


    Die Englischen Suiten mit Glenn Gould haben aus meiner Sicht einen fast eeinzigartigen Praefenzcharakter.


    Es grüßt...................Arnulfus

    Ein wichtiger Dirigent und Komponist


    Da haben so manche ihren Stempel weg (ab) = ABGESTEMPELT. ......z.B. Hans Zender, geboren 1936 in Wiesbaden, kein Pultstar....aber im besten Sinne des Wortes ein Deutscher Kapellmeister mit synkretistischem Fabel im übertragenen, sprich profanen Sinne, dem humanistischen Ideal verpflichtet, in der Tradition sehr Deutsch und Japanisch zugleich. Sein Stempel ist der des "Neutöners", als Komponist sowieso...aber hier soll es vorrangig um sein Dirigenten-Image gehen: und da erst recht Neutöner-Image: Zender, Spezialist für moderne Klänge. Er war 13 Jahre lang Chef des RSO Saarbrücken (von 1971-1984). Guckt man auf diese lange Ära, wovon glücklicherweise die Rundfunkarchive viele mitgeschnittene Konzert-Schätze besitzen und (hoffentlich) bewahren und ab und zu senden werden, so stellt sich heraus, daß ein Komponist bei ihm Priorität besaß: WOLFGANG AMADEUS MOZART. 33 Werke hat er von ihm in diesen 13 Jahren aufgeführt. Zender ist ein wunderbarer Mozart-Dirigent: feinnervig, trotzdem drahtig, als auch klar und transparent. JPC brachte vor Jahren Highlights aus seiner Zeit im Saarland in einer großartigen 20 CD-Box heraus. Einzelne Aufnahmen (aber wohl nicht die Box) existieren noch im Programm von JPC. Ich liebe seine Aufnahme der Linzer- und der Jupiter-Sinfonie. Zwar habe ich heute nicht mehr den Zugang zu seinen Interpretationen eigener Werke, wie auch zu denen Scelci's, Zimmermann's und von Morton Feldmann.....aber in dieser wunderbaren Kollektion gibt es seine Debussy-Kunst zu hören, seine überzeugende Kompetenz in der Interpretation der Werke Gustav Mahlers. Hier : die Sinfonien 6,7 unsdvorallem eine Interpretation von singulärem Rang : Mahler NEUN...außerdem mit Brigitte Fassbaender und DFD unvergleichliche Interpretationen ausLieder aus des "Knaben Wunderhorn".


    Ich sah ihn fast jeden Tag, den jungen Kieler GMD Hans Zender. Es war in Kiel Ende der Sechziger, Beginn meiner Studienzeit, vor 10.00 kam ich oft nicht aus meiner Studenten-Koje....und des öfteren kam per Fahrrad Zender um die Ecke gesaust. (in die Klopstockstr., in der ich wohnte) Er wohnte nur 100m weiter entfernt..........er war dann auch nach Hans Schmidt-Isserstedt (von 1962 bis 1967) mein zweiter Dirigent, den ich dutzende Male hörte und der mich "Anfänger" entscheidend in meinem musikalischen Verständnis prägte. Zender war vielleicht wirklich der ERSTE, der es wagte Schönberg's "Überlebender aus Warschau" in ein traditionsreiches, im Volk verankertes Werk zu integrieren: nämlich Bach's "Matthaeus-Passion"....später dann auch in die 9. Beethoven, wo Zender VIELE Nachfoger unter seinen Kollegen für diese kontrastreiche, ja die Schizophrenie der Deutschen Geschichte aufzeigende Kombination besagter zweier Werke - wie von Schönberg + Beethoven - provozierend aufklärerisch und verantwortungsbewußt zugleich, aufführte.


    Auch meinen allerersten RING habe ich in Kiel von 1968 bis 1971 in Kiel gehört. Adorno war da und gab Seminare zu Wagner + Faschismus, parallel zur RING-Entstehung. Zender stand (vermutlich) der Studenten-Bewegung nahe. Zumindest war sein Interpretationsansatz ein fundamental kritischer mit der traditionellen Wagner-Tradition (insbesondere) in Deutschland brechender. Die Szene meines ersten RINGs habe ich eher gemäßigt konservativ in Erinnerung.......aber aus dem Orchestergraben kam kein Teutonischer Nebel, sondern Debussy-hafte singende Transparenz..........diese Interpretation hatte für mich Folgen für mein Wagner Bild, Folgen im Sinne der Sensibilisierung, weg vom Helden-Epos.


    Abschließend möchte ich seine Aufnahme der kompletten Schubert-Sinfonien (bei Haenssler) sehr empfehlen.


    Es grüßt Arnulfus

    Mit beseeltem con brio


    "Das Feuer brennt", "es lodert in ihm", ..........auch diese Schlagworte passen auf Oleg Caetani. Ich hörte ihn zum ersten Mal ca 1990, als er in der Post-Gielen-Aera unter Gary Bertini als GMD der Oper Frankfurt, 1. Kapellmeister war. Caetani dirigierte ein Sinfoniekonzert mit der 7. Beethoven. >Feuer und Wasser<.....das Feuer ging von seinem Dirigat aus, das Wasser lief mir den Körper runter. Dass man diese Sinfonie (auch Apotheose des Tanzes genannt) auch "anders angelegt" sehr berechtigt auslegen/dirigieren kann, ist natürlich klar. WIE dieser Dirigent (damals ca 35 Jahre alt) das Orchester im posivsten Sinne >wie unter Strom< zum Musizieren anregte, daß der Saal vor Hochspannung knisterte, hatte ich SO noch nicht vorher gehört. 20 Jahre später sehe und höre ich dies Erlebnis noch, es ist in mir lebendig geblieben. Zehn Jahre später fuhr ich nach Chemnitz, wo er ebenfalls fast 10 Jahre GMD war und hörte einen wunderbar unteutonischen, "klaren" RING, mit fast eleganten aber nicht weniger fesselnden Spannungsbögen, nichts MARTIALES kam aus dem Orchestergraben. Seine Brünhilde und sein Siegmund/Siegfried, nämlich Janice Baird und John Treleaven standen damals am Beginn ihrer internationen Deutsche-HELDEN/innen-Karrieren und rundeten diesen fast"belcantescen" RING wunderbar ab, denn sie klangen noch ungedrückt, unangestrengt und strahlend in der Höhe. Caetani ist 1956 ist er in Lausanne geboren. Sein Vater Igor Markevich (den ich 1966 (!) in Hamburg gehört hatte)hat ihm wohl den Dirigierstab vererbt.....auch wenn er nicht so berühmt geworden ist wie der Papa, dirigiert er doch regelmäßig an den großen Opernhäusern, wie der Scala in Milano, Covent Garden, Bayr.Staatsoper, Kölner Oper, etc. Lange Jahre war er Chef in Melbourne, jetzt leitet er das Mailänder Orchester Giuseppe Verdi. Mit ersterem hater alle Tschaikowsky Sinfonien (hervorragend), mit letzterem, alle von Schostakowitsch eingespielt. Zum Chef der ENO in London war er berufen und wieder abbestellt, als der Generalmanager vor einigen Jahren plötzlich gehen mußte. Caetani ist einer der wenigen Dirigenten, die das Deutsche und Italienische (Opern) Fach in hohen Maße kompetent dirigieren kann .....das französ + russische natürlich auch. Er ist ein Dirigent den ich gerne öfter hören möchte, doch in Deutschland ist er selten .......oder man erfährt es erst aus der Presse hinterher. Ich möchte Euch diesen Dirigenten ans Herz legen. Seine 2. Mahler finde ich ebenfalls sehr beeindruckend. Alle Sinfonien von Tansman hat er eingespielt. Kennt jemand diesen Komponisten? (mir ist er unbekannt)


    Ich hoffe, ich konnte auf diesen Dirigenten ein wenig aufmerksam machen.


    Arnulfus


    Lieber 1481


    Gestern war ich in der Kölner Philharmonie in einem konzertanten Parsifal.............Gurnemanz hätte wohl auch Dich (anstatt Parsifal, den reinen Tor) fragen können, Deine Antworten wären ebenfalls einige Male gewesen : DAS WEISS ICH NICHT. Wie bist Du zu Deiner breitgefächerten, vielseitigen Opernauswahl gekommen: DAS WEISS ICH NICHT......:.) :.) :.)
    Ich finde Deine Liste jedenfalls hochinteressant, bis auf die Opern von Blow und Lully habe ich sie alle gesehen. Meine Bewunderung ! schließlich bist Du nicht so der Opernkenner ! :.) ! :.) !


    Es grüßt Arnulfus

    Zitat

    Wenn man ja sonst traurig, wehmütig ist, wird man auch oft niedergeschlagen, schwach und depressiv (ich zumindest), man fühlt seine Kräfte schwinden, die Erfahrung ist negativ - bei der Musik-Traurigkeit fühle ich mich aber bereichert, stärker, die Erfahrung ist eindeutig positiv.


    Etwas ähnliches, wie Ulli schreibt, dass mich ein Kunstwerk "verdirbt", hatte ich bisher nur mit Literatur: die Romane von Bret Easton Ellis machten mich immer zynisch, verbittert und misantropisch. Bei Musik ist ähnliches mir noch nicht passiert.


    Liebe Musica, lieber Tamas, liebe EROICAner/innen,


    ich scheue mich ein wenig, zu diesem Thema etwas zu schreiben, da ich von berufswegen mit unseren Seelentiefen zu tun habe. Ich finde es toll und wichtig zugleich, wenn es uns möglich ist, TIEF EMPFUNDENES anderen Musikfreunden mitzuteilen. Es geht wiederum um unsere ganz subjektive Geschichte, den Prägungsfaktoren seit Kindheitsbeinen an und (VORALLEM) um die Unwiederholbarkeit der genau gleichen Empfindung bei einem anderen Menschen. Der 1. Satz, (siehe oben) wo ich Tamas zitiere, zeigt sehr treffend, daß es eine Verallgemeinerung >>>MAN<<< nicht geben kann, >>>man oft niedergeschlagen, ...man fühlt seine Kräfte schwinden...heißt dann auch folgerichtig >>> ich zumindest <<<


    Das Ausmaß und die Vielfalt der Regungen, Assoziationen und Begebenheiten, die uns beim hören der geliebten Musik "passieren", spiegelt sich zum Beispiel bei der vorgestern von mir begonnenen Opernhitliste wieder. Selbst wenn >man< :.) :.) :.) (also in diesem Falle sicherlich nicht nur ich) bezogen auf die ersten vier Beiträge, 45 verschiedene Opern zählt, spiegelt DAS eine unglaubliche Empfindungsskala wieder. Ich finde es wunderbar, liebe Musica, wenn Du über Deine Melancholie schreibst. Auch auf Ulli und seine >Mahlermaniaexplosivita< bezogen, geht es um den Punkt der eigenen Akzeptanz bezüglich gefühlsmäßiger Extreme. Wir schreiben, überlegen, denken über unsere Gefühle nach.....und das geht schon mal nicht ohne Über-Ich-Zensur ab. (also die Gewissensbildung) Es ist der Normalfall in der Erziehung, daß wir lernen, die eigenen Gefühle zumindest "im Griff zu haben". Ein Leben lang entsteht dann häufig die Unsicherheit >>> ob eine extreme Empfindung noch "normal" sei.....solange wir sie als >ichsynchron< empfinden können, haben wir ja eigentlich kein Problem (ODER ???) : UNBEWUSST...höchste Lust...(nicht nur Isolde hat das Recht auf diese Freiheit des Gefühls) Ratio, Zensur, auch Herr Knigge, müssen halt DRAUSSEN bleiben, wenn die Musik in uns wirkt... dürfen in unsere so unterschiedlichen Gefühlslabyrinthe nicht reinschauen... warum auch?


    Ich will noch eine persönliche Eigenart erwähnen, die zu diesem Thema paßt: in meiner Sturm-und -Drangphase (zwischen 20 und 30) zwängte sich mir für jede Person, in die ich mich verliebte oder die mir sehr wichtig war, eine Melodie in meinem Kopf auf. Es ist NIE vorgekommen, daß sich ein Thema wiederholte, denn erstens gibt es nicht zwei gleiche Menschen und zweitens waren meine Gefühle zu diesen nie die selben. Zu meiner "besseren Hälfte" hatte ich wenige Tage, nachdem wir uns im Konzert bei der 1. Sinfonie von Gustav Mahler kennengelernt hatten, eine aufblühende, teils etwas flirrende und warmherzig fließende Melodie aus einer Sibelius-Sinfonie im Kopf. Das ist über dreissig Jahre her... und stimmig ist diese Kongruenz in meinem Herzen immer noch, die Melodie paßt noch immer "wie die Faust auf's Auge" auf meinen Schatz, zumindest in meiner Empfindungswelt. Die Einmaligkeit, meine Einmaligkeit, mein Gefühl. Zu der Omnipotenz unseres Seelenhaushalts gehört neben das größte Glücksgefühl zumindest potentiell: der stärkste Haß oder eine furchtbare Brutalität. Mir fällt noch meine Beziehung zu einem Mathe-Lehrer ein, der mich wohl nicht mochte (was auch immer dazu geführt haben mag) ... jedenfalls habe ich sehr unter ihm gelitten. Häufig hatte ich folgenden Traum: ich war mit ihm zusammen in einem Fahrstuhl, der fuhr und fuhr und fuhr, die Fahrt wollte nicht enden (es muß der/das 400. oder 500. Stockwerk gewesen sein)... da öffnete sich plötzlich die Fahrstuhltür... ich machte "bubbbbbb" (ein kleiner Schubs)... und ich war alleine und erleichtert.


    Seid gegrüßt... "Arnulfus"

    Hallo,


    DAS ist schon eine Erwähnung und ein näheres Hingucken wert. Nachdem VIER von uns ihre Dutzend-Opern-Favoriten gepostet haben (Reihenfolge: Arnulfus - Musica - Der Lullist - Ulli) ......stehen 45 (FÜNFUNDVIERZIG) verschiedene Opern zu Buche. GROSSARTIG, diese Vielzahl, was mich aber noch mehr verblüfft, ist unser doch bemerkenswert vielschichtiger, breitgefächerter Geschmack und kontrastierende Wertschätzung von Opern.


    NUR 3 Opern finden bei uns VIEREN "gemeinsame Eltern": Ulli und "der Lullist" finden ihr gemeinsames Kind mit >PROSPERIN von Kraus< .....Ulli und ich ziehen gemeinsam unseren Neurotiker "Don Giovanni" auf ......und Musica, wie auch meine Person, wollen gemeinsam verleugnen unseren verzogenen Cherubino >in Gardino<, bzw >in den Garten< fliehen gesehen zu haben, stattdessen lügen wir, daß sich die Beete vor lachen biegen.


    Da ich mit sehr frühen Opern nicht so kann, habe ich zumindest mit der Oper von JM KRAUS eine interessante Anregung bekommen, da ich die Oper nicht kenne... immerhin die Sinfonien dieses unterbewerteten Komponisten kenne und schätze. Etliche der Barockopern kenne ich überhaupt nicht.......dafür höre ich morgen in der Kölner Philharmonie 5 Stunden PARSIFAL von Richard dem Großen. :.) :.) :.)


    Vier Hitlisten und fünfundvierzig verschiedene Opern....WIE soll das weitergehen und enden ???


    Es grüßt Arnulfus

    Liebe EROICAeaner/innen, zwar habe ich mit dieser Art von Listen gewisse Probleme, denn inhaltliche Kriterien der Auswahl und persönliche Hintergründe erhellend, fehlt bei einer bloßen Aufstellung natürlich Einiges. Da das EROICA-Forum noch am Anfang steht, erhoffe ich mir durch die Benennung der derzeitigen persönlichen >Top Twelve< doch einen kleinen Schritt zum Kennenlernen unserer individuellen Vorlieben, Eigenheiten, Vernarrtheiten, Schwerpunkte, Einseitigkeiten in Bereich der OPER............Ich mache gerne den Anfang ..........und bin einerseits gespannt auf Eure Favoriten......und zum Zweiten wünsche ich mir, daß bedingt durch Unterschiede, gemeinsame Begeisterung etc, später dann eventuell Diskussionen über Opern entstehen, die meheren von uns gefallen, oder uns aus anderweitigen Gründen interessieren, ärgern, langweilen, verwöhnen.


    Zwei absolute Favoriten: seit 3 Jahrzehnten im ewigen Wechsel


    1 + 2 Mozart Le Nozze di Figaro // Wagner Tristan und Isolde


    3 Korngold Tote Stadt


    4 Wagner Rheingold


    5 Wagner Götterdämmerung


    6 R Strauss Frau ohne Schatten


    7 Berlioz Les Troyens


    8 Verdi Don Carlos


    9 Wagner Meistersinger (im Wechsel mit Parsifal)


    10 Mozart Don Giovanni


    11 Janacek Die Sache Makropoulos


    12 Britten Peter Grimes (im Wechsel mit Billy Budd)


    Mit besten und vielleicht verlockenden Operngrüßen...............Arnulfus

    Meine Mutter arbeitete 1942 in einem Lazarett in der Nähe von Angermünde. Neben ihrer krankenschwesterlichen Hilfe für verwundete deutsche Soldaten, sang sie mit ihrem schönen Sopran Volkslieder für die Geschundenen (keine ausgebildete Stimme), begleitet wurde sie von einem Musiker am Klavier, der ebenfalls an der Front war, einem Ferdinand Leitner. Das erzählte sie mir in den sechziger Jahren und ich konnte ihr erwidern, daß dieser Herr Leitner einer der großen Dirigenten sei. Meine Mutter wußte nichts über seine Karriere nach dem Kriege und ich begann nach diesem Gespräch mehr und mehr mich mit ihm zu beschäftigen. Heute besitze ich um die 50 Aufnahmen von Bach, Haydn, Mozart über den Operndirigenten vorallem des Deutschen Opernrepertoires von Lortzing bis Carl Orff, Fortner, Egk, mit Schwerpunkt R. Strauss und vorallem Richard Wagner. Er war auch ein Vorreiter der Moderne, insbesondere für das Werk des von den Nazis ausgeschalteten Karl Amadeus Hartmann, bis zu Henze und in seinen letzten Lebensjahren sogar Riehm und Lachemann.


    Leitner wurde 1912 in Berlin geboren und starb mit 84 Jahren 1996 in Zürich. Dort war eine seiner 3 Haupt-Zentren seiner Tätigkeit und zwar zeitlich die letzte Ära, nämlich Chef des Opernhauses von 1969 bis 1984. Dort habe ich ihn mit der Zauberflöte und der Entführung gehört.


    Am Anfang seiner Karriere stand ein Berufsverbot, nämlich 1933, im Alter von 21 Jahren (!).....protegiert von dem großen Fritz Busch, war er dessen "Klaviermann" zur Einstudierung des Repertoires in der Semper-Oper, bis auch dieser rausgeschmissen wurde. Als herausragender Pianist durfte er z.T auch im 3. Reich tätig sein, nicht offiziell akzeptiert, doch im kleinen Rahmen geduldet. Seiner Leidenschaft, dem Dirigieren, konnte er erst ab 1945 nachkommen. Zusammen mit Solti leitete er zunächst die Bayrische Staatsoper.....wechselte dann nach Stuttgart als GMD, wo seine erste und vielleicht wichtigste Wirkungsstätte an der Oper war und zwar von 1947 bis 1969.(!) Es war eine Glanzzeit dieses Hauses, die erst wieder 30 Jahre später unter Zehelein/Zagrossek (wenn auch andere) ähnlich gravierende Schwerpunkte setzen konnte. Nebenbei war er -als Nachfolger Erich Kleibers nach dessem plötzlichen Tod- kompetenter und bewunderter Sachwalter des Deutschen Repertoires am Teatro Colon in Buones Aires und zwar ab 1956, es war seine 3. große Wirkungsstätte. Ab den Fünfzigern dirigierte er eigentlich überall in der Welt, vorallem das Deutschen Repertoire, mindestens in ebenso vielen Sinfoniekonzerten wie Opernaufführungen. Zu meinen Lieblingsaufnahmen gehören z.B. ein TRISTAN aus Chicago mit Vickers und der jungen Janis Martin, etliche exemplarische Wagner-Aufführungen aus dem Teatro Colon. Bewundern tu ich seinen Mozart. Neben Günter Wand's Aufnahme der Haffner-Serenade ist Leitners Aufführung für mich das Non-Plus-Ultra dieses Lieblingsstückes von mir. Auf weitere wichtige Aufnahmen gehe ich gerne bei Gelegenheit- ODER FALLS INTERESSE BESTEHT- auch möglichst bald ein. Viele Aufnahmen die ich von diesem großen Maestro besitze sind "In House-Mitschnitte". Einem großen Platten-Publikum wurde Leitner durch die DGG-Aufnahme der 5 Beethoven-Klavierkonzerte mit Wilhelm Kempff und den Belinern bekannt.


    Fakt ist auch sein wesentlich geringerer "Nachruhm". Wohl nur im Bewußtsein von Klassikfans hat Leitner heut noch die Bedeutung, den Rang eines Ausnahme-Dirigenten, die/der ihm gebührt. dazu paßt, daß ein großer Kenner und Kritiker der Deutschen Nachkriegs-Musikkultur, Wolfgang Schreiber (Süddeutsche), in seinem wichtigen Buch >Grosse Dirigenten< (von 2005) bei den wichtigsten deutschstämmigen Dirigenten eigentlich nur einen gewichtigen Namen vergißt: Ferdinand Leitner. Seine "Vorgänger" Furtwängler, E. Kleiber, Busch, Walter, Klemperer, Scherchen, Knappertsbusch, Schuricht , Abendroth, Böhm, Krips, Kabasta, sind erwähnt und gewürdigt, seine Zeitgenossen Karajan, E. Jochum, Keilberth, Kempe, Schmidt-Isserstedt, Wand, Rosbaud, Konwitschny, ebenso wie auch die Nachfolger Masur, Gielen, Sawallisch, Dohnanyi, C. Kleiber, G. Albrecht, Leinsdorf, Steinberg, Tennstedt, Zagrosek,und Zender. (Dirigenten der Jahrgänge ab 1950 erwähne ich in diesem Zusammenhang nicht)


    WAS BLEIBT ? : es gilt einen der ganz Grossen Kapellmeister (im besten Sinne des Wortes WIEDER zu entdecken) FERDINAND LEITNER. Aus meiner Sicht besteht seine Unverwechselbarkeit, sein ganz eigener Dirigierstil, in einer Kombination von reflektierter Transparenz, kontrolliert dosiertem enthusiasmiertem Brio und Draufgängertum. Die Pferde gehen nicht mit ihm durch, dafür ist ihr Galopp kontrolliert exact und wunderbar im Fluss. Stets gilt seine Priorität dem großen Bogen, der Verantwortung für die Erforschung des Gehalts der Partitur....und niemals der Benutzung der solchen zum Schaulauf der Eitelkeiten. Wie Busch, Schuricht, Kempe und Keilberth verstand er sich als Botschafter der Werke, wie der Werktreue.......Show und Selbstdarstellung waren ihm fremd.


    Meine Verehrung gilt diesem doch verkanntem Genie, einem der ganz GROSSEN.......ich glaube, meine 90 jährige Mutter würde mir beipflichten, nicht nur wegen ihrer Erinnerung an 1942.


    Es grüßt.........."Arnulfus"

    SIR John Barbirolli hieß eigentlich Giovanni Battista mit Vornamen, wurde am 2. Dezember 1899 in London geboren, die Mutter war Französin, der Vater Italiener und trotzdem war er so durch und durch "britisch", daß wohl kaum ein anderer Dirigent die englischen Spätromantiker Delius, Vaughn-Williams, Walton, Elgar und Bax ähnlich >idiomatisch ENGLISCH< interpretiert und für die Platte uns hinterlassen hat. So ähnlich könnte man es auch in einem Musiklexikon nachlesen. Für mich ist er einer der ganz GROSSEN seiner Spezies des 20. Jahrhunderts. Leider habe ich ihn nur einmal LIVE erleben können, da er bereits im Alter von 70 Jahren im Sommer 1970 gestorben ist. Mit dem New Philharmonia Orchestra hab ich ihn 1967 gehört. Ich saß ganz vorne und konnte sehen, wie er kurz vor seinem Gang ans Pult noch einen Schluck seines geliebten Whiskys zu sich nahm. Seine Interpretationen der Haydn-Variationen (Brahms) und der 5. Mahler werde ich nie vergessen. Auf Platte/CD hat er mit den Wienern die Brahms-Variationen (+ alle 4 Sinfonien) eingespielt, die 5. Mahler gibt es mit den Berlinern und dem New Philharmonia und zählt sicherlich zu den besten Fünften.


    Sir John war gelernter Cellist und ungefähr ab seinem 50. Lebensjahr DER DIRIGENT Barbirolli, mit dem ausladenden warmherzigen, ja süffigen Ton, (natürlich an ein Cello erinnernd) wie die Nachwelt ein wichtiges Merkmal seines Dirigierstils in Erinnerung behalten wird. In jüngeren Jahren war er ein "Heißsporn", Toscanini-ähnlicher Dirigierstil, bereits Ende der Dreissiger Chef der New Yorker Philharmoniker. Seine wohl prägendste Ära war ca 20 Jahre in Manchester mit dem Halle Orchester. Eigentlich hat er (fast) ALLES dirigiert, von Bach und Händel über Haydn, Mozart, das gesamte romantische und spätromantische Repertoire. Auch die Oper war seine Domäne: an der MET und anderen Opernhäusern (Rom, London) war er zu Hause, von Purcell's "Dido und Aeneas" über Puccini bis Wagner (Tristan, RING) hat er ebenfalls Exemplarisches geleistet.Das erste Werk Mahler's welches er aufführte, war 1931 in London mit Elena Gerhardt >die Kindertotenlieder<. Chopin's Konzerte 1+2 mit Artur Rubinstein Anfang Mitte der dreisseiger Jahre sind exemplarische Dokumente von kultivierter Virtuosität mit explosivem Furioso. Zu meinen Lieblingseinspielungen gehören Verdi's Messa da Requiem, bei Beethoven ganz besonders die "Eroica" mit dem BBC Orch. (1968), die für mich einen singulären Stellenwert hat, trotz Furtwängler, Toscanini, Karajan, Bernstein & Co. Viele sagen, seine Mahler Interpretationen seien seine überragende Hinterlassenschaft.....bis auf die 8. und 10. Sinfonie hat er alle Sinfonien eingespielt. Die NEUNTE mit den Berlinern gehört für mich zu den einzigartigen Interptretationen. Seine Interpretationen der 7 Sibelius Sinfonien mit dem Halle Orchester Manchester singen ganz besonders diesen honoren, auch weinenden, schreienden und jubilierenden Charakter-"Ton" des einzigartigen Sir John. Es gibt eine Aufnahme der Zweiten in D-Dur mit dem Royal Philh London, die für mich Referenzcharakter hat. Sir John DER Humanist unter den Dirigenten. Auch den TRISTAN (mit Flagstad und Melchior) hat er dirigiert/aufgenommen: (abgewandelt) "ganz bewußt.....höchste Lust"


    [b]Ein Hoch auf Sir John Barbirolli.............."Arnulfus"